Freitag, 17. Juli 2009
Begegnung
i.a.grafix, 13:57h
Im fahlen Mondlicht bewegte sich ein Schatten durch die leicht beleuchteten Umrisse einer alten Industrieruine am Stadtrand. Zu DDR Zeiten war die Industrie hier reich angesiedelt und nahe den Gleisen der Bahn hatte es die besten Verkehrsanbindungen gegeben. Doch mit dem Fall der Mauer zerfielen auch die Wirtschaft, die Arbeitsplätze und die Bauten selbst. Nun war von vielen nur noch alter Stein oder verrostetes Metall übrig und niemand kümmerte sich um einen Abriss oder eine Renovierung. Nur die regelmässigen Durchgangszüge, meist Personenzüge, störten die Ruhe, die über den Orten lag.
Erst vor einer Stunde war ein Zug über die Gleise gerattert und hatte etwas Staub und ein paar Zeitungsfetzen aufgewirbelt. Diese Ruine wurde gern hin und wieder von Obdachlosen als Regenschutz verwendet, oder aber von Bürgern naher Wohnviertel als Mülldeponie. Dementsprechend sah es aus und roch es auch. Eine Ecke zu finden, in der es nicht nach Urin, altem Öl oder gar schlimmeren roch, war wahrlich schwer und der Neuankömmling rümpfte seine Nase. Für ihn, mit dem feinen Geruchssinn einer Katze, war es beinahe unerträglich und er hasste deshalb die Bauten von Menschen. Doch ihn hatte etwas neugierig gemacht. Oft kam er nicht hier vorbei, doch einmal im Jahr führte ihn ein bestimmter Weg an dieser Ruine vorbei und sonst immer roch es nicht so extrem nach Angst und nach Kummer. Jemand anderes war hier, jemand, der sich zu verstecken versuchte.
Leichten Fusses untersuchte er deshalb die Gegend genauer, sah in alten Betonröhren nach, lugte hinter einige Ecken und spähte in die dunklen Nischen. Vor einem alten Eingang zu einer grossen, aber zerfallenen Halle blieb er stehen und schnüffelte. Hier war der Geruch am intensivsten.
„Ist hier jemand?“ fragte er leise ins Dunkel hinein, doch niemand antwortete ihm.
„Möchtest du nicht mit mir sprechen?“ wieder folgte keinerlei Antwort.
„Gut, dann gehe ich wieder. Allerdings finde ich es verwunderlich, dass sich jemand ausgerechnet da verkriecht, wo auch der Geruch von Fäkalien am grössten ist. Mir würde es nicht in einer Menschentoilette gefallen, keine eine Sekunde lang.“
Er wartete noch eine Weile geduldig ab. Er hatte schon etwas Erfahrung im Umgang mit verunsicherten, ängstlichen Geschöpfen und erhoffte sich hier ebenfalls eine kleine Regung, ein kleines Zeichen und vielleicht etwas Gewissheit. Denn eine Ahnung hatte er. Sie musste sich nur noch bestätigen.
Es verstrichen ganze fünfzehn Minuten und er wollte sich schon abwenden, da lies ein Geräusch seine Ohren zucken und er blickte wieder hoch interessiert zu dem Eingang. Es regte sich etwas dort drin und wenige Sekunden später leuchteten zwei rote Punkte auf, Augen.
„Ah. Ich sehe zwei Augen. Komm doch heraus. Ich tu dir nichts und sollte dich meine Gestalt etwas entsetzen, so wechsle ich sie gerne für dich.“
In Wirklichkeit war derjenige, der bisher gesprochen hatte, kein Mensch. Er war ein grosser Panther mit silbrig, weissem Fell und einigen schwarzen Streifen, als hätte sich ein sibirischer Tiger mit einem Panther gepaart. Er war gross und seine gelben Raubkatzenaugen leuchteten in der Dunkelheit wie zwei kleine Scheinwerfer. Seine grossen Pranken hatten eingefahrene Krallen und seine weissen Zähne blitzten bei seinen Worten immer wieder weiss auf.
„Ich entschuldige mich ausserdem, dass ich mich bisher noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Mondkatze. Zumindest nennen mich so meine Freunde.“
Aus dem Hauseingang kam ein kurzes Grollen, dann zwei bis drei Minuten kein weiterer Laut. Mondkatze dachte schon, ihre Worte hätten irgendwie für Verärgerung gesorgt, doch als sich dann jemand wirklich aus dem Eingang heraus wagte, erkannte sie, dass ihre Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hatten.
Zögerlich zeigte sich ihr ein junger Teenager, zumindest vermutete sie, dass es ein Junge im Alter zwischen sechzehn und achtzehn Jahren sein könnte. Er hatte dunkle, schwarzblaue Haut, schwarzes, ungepflegtes und langes Haar, noch keinen Bart, aber dafür Hörner, die sich nach hinten bogen und ein wenig an Kudus erinnern liessen. Seine ehemalige Kleidung war schon lange zu Fetzen am Leib geworden und sein merkwürdiges Aussehen rundeten Lederschwingen am Rücken und ein langer, dürrer Schwanz mit einfacher Spitze ab.
Er schien oft geweint zu haben, denn jetzt, da man dass Weiss in seinen Augen erkennen konnte, sah man auch die starke Rötung, die durch permanentes Weinen und Augenreiben entstanden war.
„Oha! So siehst du also aus“, entfuhr es Mondkatze, doch sie setzte schleunigst noch etwas dran, da ihr gegenüber wohl schon den Rückzug in Erwägung zu ziehen suchte. „Keine Angst, dass ich jetzt Angst habe, oder so. Nein, ganz im Gegenteil. Ich war nur etwas überrascht, dass ich auf einen Mutanten treffe. Ich lebe zwar zusammen mit einigen, aber viele von ihnen leben versteckt unter den Menschen und getrauen sich nicht, ihre wahre Identität zu zeigen. Du scheinst dich zurückgezogen zu haben. Aber das kann ich auch verstehen. Sicherlich hat sich deine Familie von dir abgewandt, als du plötzlich anders wurdest, oder?“
Es folgte nur ein Nicken als Antwort und eine träne, die aus den Augen herab lief.
„Wie lange bist du schon hier?“
„Drei Monate.“
„Oh schon so lange? Entschuldige, dass ich nicht schon eher hier vorbei gelaufen bin, aber ich komme hier nur ungefähr einmal im Jahr vorbei, um zum Grab meiner ehemaligen Familie zu gehen. Ich meide sonst eher solche Orte hier. Zu stinkig, wenn du verstehst, was ich meine.“
Erneut folgte ein Nicken und dann setzte er zu einem Wort an, vielleicht auch einem Satz oder einer Frage, doch er schloss den Mund ohne einen einzigen Vokal auszusprechen.
„Sagst du mir deinen Namen?“
Er sah sei mit seinen roten Augen sehr intensiv an, als könne er Gedanken lesen. Mondkatze wurde es etwas komisch, denn sie hatte schon von Mutanten gehört, die andere mit einem einzigen Gedanken töten konnten.
„Immanuel Weber. Aber Mondkatze ist doch kein richtiger Name, oder?“
Die grosse Raubkatze schüttelte lächelnd mit dem Kopf, auch wenn das Lächeln ein wenig wie ein Zähnefletschen aussah.
„Nein, natürlich nicht. Das ist eine Art Deckname. Ich heisse für gewöhnlich Lisa Müller und laufe auch nicht immer als grosse Raubkatze durch die Gegend, sondern doch schon als Mensch. Ich kann meine Gestalt wandeln und besitze den Spürsinn und die Gewandtheit eines Panthers. Das ist oft recht hilfreich, besonders wenn man schnell voran kommen will, da man auf vier Beinen viel schneller ist, als ein Mensch auf seinen zwei.“
Auf ihre Worte folgte eine Pause, ehe sie weiter sprach. „Sicherlich denkst du, dass deine Mutation ein absoluter Pechfall sei. Das habe ich vorher auch gedacht und es verflucht. Doch du wirst lernen damit umzugehen und wenn du mit mir kommst, garantiere ich dir, dass du auch neue Freunde treffen wirst. Wie schon erwähnt, gibt es einige wie dich und mich und wir müssen weiss Gott nicht wie absolute Aussätzige leben. Wir bilden unsere eigene, kleine Gemeinschaft neben der, die eben die normalen Menschen dominieren. Wir sind Mutanten und wir sind stolz darauf, dass wir so sind, wie wir sind. Übrigens setzen wir unsere Kräfte für gute Dinge ein. Wir helfen anderen Mutanten und manchmal sogar normalen Menschen.“
Er hatte sie die ganze Zeit über fixiert und kein Wort gesprochen, als müsse er sich die Worte von ihr genau einprägen, damit auch ja nichts verloren ging, als prüfe er jedes ihrer Worte sorgfältig auf dessen Wahrheitsgehalt. Eine erdrückende Stille lag in der Luft.
Doch dann passierte etwas, was beide spontan und wie auf Kommando lachen lies. Immanuels Magen knurrte laut los.
„Oh, du scheinst hungrig zu sein. Pass auf. Du musst nichts weiter sagen. Komm doch einfach mit und lerne die anderen kennen. Dann kannst du dich immer noch entscheiden. Ah und Essen gibt es auch.“
Essen klang gut und verlockend und sie konnte Hoffnung in seinem Blick erkennen. Ein Nicken später drehte sie sich um und ging zurück, von wo sie gekommen war. Sie würde später bei der alten Hausruine vorbei sehen, die seit dem grossen Brand einsam und verlassen am Stadtrand von Leipzig-Wahren stand. Sie würde ein anderes Mal Blumen hinterlegen und ein wenig trauern. Nun war erst einmal der Neuling wichtiger, denn als Mutanten war das Leben nicht einfach und jeder neu hinzugewonnene Freund war Gold wert.
So liefen sie gemeinsam Seite an Seite der Morgendämmerung entgegen…
Während ihrer kleinen Wanderung durch dunkle Gassen, verlassene Felder und einigen heruntergekommenen Teilen der Stadt, hatten sie nicht viel miteinander gesprochen. Sie hatten aufmerksam sein müssen, denn wenn man sie gesehen hätte, so wäre ein grosses Chaos ausgebrochen. Mutanten waren hier nicht sonderlich bekannt oder gar beliebt und das hatten sie beide schon schmerzlich spüren müssen. Es würde noch genug Zeit zum Reden sein, wenn sie erst einmal im Unterschlupf waren.
Lisa kannte sich bestens aus, wusste um die Winkel, die man verborgen erreichen konnte und kannte auch die Gegenden, in denen Mutanten kein Fremdwort waren, wo sich aber auch niemand mehr dafür interessierte. Dort waren Drogen und Alkohol viel wichtiger, als ein Panther und ein dämonisch aussehendes Wesen. Sicherlich hielten die meisten Bewohner dieser Viertel diese Erscheinung ohnehin für nichts weiter, als eine Halluzination.
Bei einer Eisentür, die zu einem Keller führte, blieb sie dann stehen und deutete Immanuel an, dass er stehen bleiben sollte. Sie klopfte in einem bestimmten Rhythmus gegen das kalte Metall und bekam ein anderes Klopfsignal als Antwort. Wenige Zeit später öffnete sich die Tür und hinaus schaute ein robust wirkender, junger Mann, den man eindeutig als Schrank bezeichnen konnte. Er war fast zwei Meter gross, hatte breite Schultern, einen muskulösen Körperbau und ein grimmiges Gesicht. Etwas erschrocken wich Immanuel nach hinten aus, als dieser Koloss weiter aus der Tiefe auftauchte und seine wahre Grösse zu erkennen gab. Doch Lisa schien ihn zu kennen und nickte ihm zu.
„Hallo Steini. Ich bin etwas eher zurück.“
Der Riese wechselte urplötzlich seinen Ausdruck und ein strahlendes Lächeln umspielte seine Lippen. Immanuel war vollkommen irritiert, denn das hätte er von diesem bulligen Typen nicht erwartet.
„Ah Mondkatze. In der Zeit hast du es aber nicht geschafft zu deinem Elternhaus zu gelangen, oder?“
Sie schüttelte mit dem Kopf und sah dann zu ihrem bisherigen Begleiter.
„Das ist Immanuel. Ich habe ihn in einem der zerfallenen Industriekomplexe an der Bahnstrecke nahe Wahren aufgegabelt. Er scheint noch nicht viel von unserer Welt zu wissen, ein Frischling sozusagen. Ich habe ihn mitgebracht, damit er uns kennenlernt und vielleicht auch ein wenig sich selbst.“
Immanuel winkte verunsichert. Für mehr als diese Begrüssung hatte er derzeit einfach keinen Mumm.
Steini grinste. „Ich mache ihm doch nicht etwa Angst, oder? Ach, kommt doch einfach rein. Ist schliesslich nicht sehr warm da draussen.“
Tatsächlich war es nicht sehr warm an diesem Tag. Der Mai hatte derzeit einfach kein richtiges Glück mit der Sonne gehabt und auch heute brach nur vereinzelt ein Lichtstrahl durch eine graue Suppe aus Wolken. Lisa hatte Fell und sie juckten deswegen tiefere Temperaturen nicht sonderlich, doch Immanuel war beinahe nackt. Die paar Fetzen, die noch an ihm hingen, wärmten nicht seinen Körper und so fror er schon etwas. Allerdings rückte dies ein wenig in den Hintergrund, denn seit ein paar Stunden wurde er von neuen Eindrücken bombardiert, für die er jetzt seine volle Aufmerksamkeit benötigte.
Alle drei traten in den Keller hinein und als Steini die Tür hinter ihnen schloss, spürte Immanuel, dass es wärmer zu werden schien. Er hatte seinen blick noch immer auf Steini haften, denn geheuer war ihm der Riese noch immer nicht und so bemerkte er nicht die Wandlung von Mondkatze, die sich hinter seinem Rücken vollzog. Erst, als sie ihn ansprach und eine ihrer zarten Hände auf die Schulter legte, zuckte er zusammen und fuhr herum.
Vor ihm stand nun eine wunderschöne, junge Frau, die ihn mit ihren rosa Lippen anlächelte. Ihr schulterlanges, leicht gewelltes Haar war weiss, wie ehemals ihr Fell und an den Spitzen waren sie schwarz. Ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten eine besondere Wärme aus, die Immanuel ergriff und ihm das Gefühl von Geborgenheit gaben. Die grosse, majestätische Raubkatze war eine wunderbare, einfühlsame, junge Lady geworden.
„Komm mit. Ich werde dich den anderen vorstellen.“ Die sanften Worte klangen noch etwas in seinem Kopf nach, als er den nächsten Raum betrat und ihn ein Schwall von heisser Luft entgegen flog. Die Beklommenheit verflüchtigte sich wie von selbst und Neugierde erfasste ihn. Mehrere Augenpaare waren auf ihn und Lisa gerichtet, mehr natürlich auf ihn. Sie musterten ihn, aber lediglich neugierig, nicht boshaft und doch kam er sich etwas merkwürdig vor. Er betrachtete sie auch alle.
Insgesamt waren neun Personen noch mit anwesend. Es war ihnen deutlich anzusehen, dass sie alle Mutanten waren. Jeder von ihnen hatte etwas nicht Menschliches an sich, oder tat gerade etwas recht unnormales. Da hing einer die Decke herab und klebte an dieser wie ein Gecko, ein anderer spielte Dart mit den eigenen Dornen, die er aus den Fingern warf. Sein Mitspieler hatte einen kräftigen Arm, der aus Stein zu sein schien und war sonst eher normal gebaut. Wieder ein anderer sah gerade Fern und erschuf selbst Popcorn, indem er die Pfanne mit den eigenen Händen erhitzte. Zwei weitere sassen einfach nur da mit glühenden Augen. Sie waren eindeutig Zwillinge, denn beide sahen vollkommen identisch aus. Ein kleines Mädchen holte sich ein Buch aus dem obersten Regal, indem es einfach dort oben schwebte. Zu guter Letzt sassen noch beim Fernsehen zwei weitere Personen, beide Weiblich und beide mit Tattoos im Gesicht und am Hals, die sicherlich noch weiter über den Körper verteilt waren. Sie waren die einzigen beiden, die nur Fern gesehen hatten und am normalsten von allen wirkten, ausser natürlich ihrem seltsamen Aussehen. Im Gegensatz zu den Zwillingen waren sie unterschiedlich gross und auch sonst glichen sie sich in nichts, nicht einmal ihre Tattoos waren identisch.
„Sie alle sind Mutanten, so wie du und ich und Steini da draussen“, bemerkte Lisa und folgte dem musternden Blick von Immanuel.
„Der an der Decke ist Geek, die beiden am Dartbrett sind Igel und Hammer. Ist für dich sicher nicht schwer zu erkennen, wer welcher von beiden ist. Naja, auf dem Sofa hocken Heat, der spasseshalber auch Mister Popcorn genannt wird und die beiden Schwestern Kara und Leo. Kara ist die grössere von beiden, Leo dann logischerweise die mit der Dauerwelle. Beide sind wie Feuer und Eis. Das schwebende Mädchen ist Samdra und die beiden Zwillinge sind unsere beiden Gedankenschinder Simon und Lauren. Sie können Gedanken lesen und manipulieren, besonders gut, wenn sie gemeinsam ihre Kräfte nutzen.“
Die vorgestellten Personen winkten kurz Immanuel zu und Heat vergass dabei den Deckel von der Pfanne festzuhalten, weswegen das Popcorn dann fröhlich heraus hüpfte und sich unregelmässig im Raum verteilte. Die beiden Schwestern Kara und Leo protestierten lauthals, als sie einen Schwung der salzigen Kalorienbombe auf ihre Klamotten bekamen.
„So, Leute und das ist Immanuel. Ich habe ihn unterwegs aufgegabelt und ihn überredet, sich mal unseren kleinen Sauhaufen hier anzusehen. Er scheint noch nicht sehr vertraut mit dem Thema Mutation, also erschreckt ihn nicht gleich am Anfang so.“
„Aye Ma’am!“ tönte es einstimmig aus jeder Richtung des Raumes.
Immanuel war froh, dass nicht jeder gleich auf ihn zugestürzt kam und von ihm alles Mögliche wissen wollte. Die Worte von Lisa schienen ausgereicht zu haben, um die erste Neugierde zu befriedigen und so konnte sie ihm ohne weiteres einen Schlafplatz zuweisen und ein wenig herumführen, ohne dass sie gestört wurden.
Die Unterkunft war recht gross, was man anfangs gar nicht vermuten würde. Es waren viele Schlafquartiere in dem weitläufigen, ausgebauten Keller untergebracht, sowie eine riesige, offene Küche und eben das schöne grosse Wohnzimmer. Ausserdem gab es einen Trainingsraum und ein paar kleinere Räume, die man als Rückzugsorte nutzte. Eine Bibliothek und ein Multimediaraum waren ebenfalls vorhanden. Alles in allem viel Platz und Immanuel hatte das Gefühl, dass hier mehr Leute wohnen würden, als nur die elf Personen, die er bisher kennengelernt hatte.
Als sie wieder zurück im Wohnzimmer waren, fehlten einige. Auf den fragenden Blick von Immanuel hin, deutete Heat zur Küche.
„Die vier Nasen, die hier fehlen, sind unsere Köche und zaubern uns sicher was Feines. Vom Popcorn wird man auf Dauer ja nicht satt. Heute soll es Chinesisch geben. Sie hatten gestern so einen kleinen Köter in einer Gasse auftreiben können.“
Immanuels Gesicht sprach Bände und Heat lachte laut auf.
„Hey, Kleiner. Das ist ein Scherz, ok? Wir kochen doch keine kleinen Wauzis. Wenn dann schon eher grosse, gestreifte Panther.“
„Na dann unterhaltet euch mal fein weiter, setz dem Neuen aber nicht gleich irgendwelche Flusen in den Kopf“, Lisa hatte die kleine Anspielung gekonnt überhört. Mit dem Charakter von Heat wusste sie schon lange umzugehen. Er liebte es, den Obermacker zu spielen, auch wenn es immer nur Spass war. Wirklich ernste Momente hatte er nur selten und wenn, dann waren sie wirklich extrem ernst.
Während sie in die Küche ging, um dort nach dem Rechten zu schauen, deutete Heat auf den Platz neben sich, auf dem vorher noch die beiden Schwestern mit den Tattoos gesessen hatten.
„Pflanz dich hin!“
Immanuel kam zu ihm und setzte sich. Als er sich umschaute, stellte er fest, dass Igel und Hammer immer noch Dart spielten, das kleine Mädchen mittlerweile auf einem Sitzkissen hockte und das Buch aus dem Regel las und Heat sein Popcorn aufgegessen hatte.
„Sind die restlichen fünf wirklich in der Küche?“
Heat nickte.
„Jep. Und die werden sich bestimmt wieder streiten, wer was machen darf. Ich halte mich da raus. Als ich das letzte Mal gekocht hatte, da war der Herd kaputt. Ich durfte Herdplatte spielen. Toll, nicht?“
„Erm…“
„Richtig. Ich fands auch nicht gerade prickelnd. Aber hey“, er setzte sich spontan anders hin und sah nun Immanuel direkt an, „Erzähl doch mal was von dir. Wie alt bist de?“
„Öh siebzehn. Werde aber bald achtzehn.“
„Aha und du bist erst seit neuem so…also so vollkommen mutiert, meine ich.“
„Seit drei Monaten etwa.“
„Na das ist ja nun wirklich nicht sehr lange. Weißt du denn schon, welche Fähigkeiten du hast? Schon Mal zu fliegen versucht?“ Er zupfte dabei an den Flügeln, die Immanuel am Rücken trug und bisher nie bewegt hatte.
„Nein, habe ich noch nicht. Ehrlich gesagt finde ich die hässlich. Ich sehe aus wie ein Monster.“
Heat hob seine rechte Augenbraue an und seufzte. Er legte beide Hände auf die Schultern von Immanuel und starrte ihn genau an.
„Jetzt hör mal zu, du Frischling. Ich nenn dich Frischling, weil du hier der jüngste Mutant bist. Ja, auch Samdra ist älter als du!“ Er hatte die Bewegung de Pupille zu Samdra hinüber bemerkt. „Du kannst dich ruhig als Monster bezeichnen, wenn du dich besser fühlst, aber du bist bestimmt keins. Hast du schon einmal irgendwen ermordet? Nein? Ok, dann irgendwas anderes verbotenes getan? Auch nicht? Fein… Dann sag ich dir, dass das Aussehen alleine niemanden zu einem Monster macht. Immer nur die Taten und stell dir vor. Da gibt’s mehr Monster unter den normalen Menschen, als unter uns Mutanten.“
Immanuel senkte den Kopf.
„Dich wird hier nie einer als Monster bezeichnen und wenn es einer tut, dann bekommt der von mir höchstpersönlich einen derben Schlag in die Fresse. Kannst de glauben.“
Immanuel sah sich seine Hände an, sie waren blauschwarz und die Fingernägel waren wie Krallen gewachsen. Er ballte sie zu Fäusten und Tränen tropften auf sie hinab. Stumme Tränen. Das bemerkte Heat und sah zur Decke.
„Junge Junge! Du hast so sicher alles verloren, oder? Fast jeder von uns hat nach seiner Mutation sein altes Leben aufgeben müssen. Gut, Samdra hätte es weiterleben können, aber als nie wachsendes Kind ist das auch irgendwie doof gewesen, glaube ich. Sie ist eigentlich zweiundzwanzig und schaut immer noch aus wie Neun“, er setzte kurz ab und seufzte. „Wir verstehen deinen Kummer und keiner wird dir verbieten mal schlechte Laune zu haben, oder wie jetzt zu weinen“, er klopfte ihm auf die Schulter und blickte ihn verständnisvoll an. „Heul dich aus, Kleiner. Wir können jetzt deine neue Familie sein.“
Damit hatte Heat allerdings einen wunden Punkt erwischt, denn Immanuel hatte sehr an seiner Familie gehangen und war vollkommen irritiert von deren Verhalten gewesen, als die Mutation bei ihm vollkommen ausgebrochen war. Sie waren es, die ihn Monster und Teufel genannt hatten. Seine gläubige Mutter war schreiend vor ihm weggelaufen und sein Bruder hatte die Polizei rufen wollen.
Er stand hastig auf und rannte aus dem Zimmer, hinein in den Raum, der ihm als neues Schlafquartier dienen sollte. Dort rollte er sich auf dem Boden zusammen und nutzte zum ersten Mal seine Flügel, um sich mit ihnen zu verhüllen. Er schluchzte laut und lies seinem Kummer und seinem Frust freien Lauf.
Ja, Monster hatten sie ihn genannt und fortgejagt hatten sie ihn. Ihren Sohn und Bruder, Ihren Kleinen. Alle lieb gemeinten Versprechungen waren an einem Tag hinfällig geworden. Plötzlich hatte er nur noch sich und sonst nichts weiter. Er hatte sich nirgendwo mehr hingetraut, ausser in diese alte verlassene Industrieruine, die er durch Zufall gefunden hatte. Lediglich vier Monate waren seit seinem Umzug nach Leipzig vergangen und er war nun nicht nur ein Fremder in einer fremden Stadt, sondern ein Fremder in einem fremden Körper.
Mit seinen Krallen schnitt er sich tief in den Oberarm, denn der Schmerz sorgte dafür, dass etwas der Anspannung und des seelischen Schmerzes vorüber ging. Es linderte, lenkte ab. Er biss sich auf die Lippe, weil er sich so sehr hasste. Eigentlich hatte er alleine auf diesem Gelände am Bahnhof bleiben sollen, er wäre dort verhungert oder verdurstet, oder was auch immer. Aber er hätte nicht mehr viel länger in diesem verfluchten Körper zubringen müssen.
Wieso hatte er sich so beschissen gewandelt? Warum hatte ihn dieses Pech heimgesucht? Weshalb war er Mutant geworden? Hatte etwa der Gott, an den seine Mutter immer so fest geglaubt hatte, Hass gegen ihn empfunden, weil er niemals gläubig sein wollte? War das die Strafe dafür?
„Wenn ja, dann war es ein beschissener Gott und nicht wert, dass man an ihn glaubt“, eine sanfte Stimme ging durch seinen Geist und plötzlich fühlte er sich vollkommen befreit von Schmerz und Kummer und fühlte sich federleicht, vollkommen sorgenfrei. Ein leichtes Summen schien ihn in einen friedlichen Schlaf zu wiegen.
„Schlafe erst einmal. Morgen wird alles schon viel schöner sein.“
„Gnaaaaa! Rück den Schlüssel raus! Komm schon. Ich bin heute dran mit fahren! Ich will! Gib Gib GIB!“
„Haha bekommst du aber nicht! Ich habe ihn zuerst gegriffen. Du fährst ohnehin wieder gegen den nächsten Baum!“
„Hey, da war ich nicht dran schuld!“
Auf dem Gang war schon früh ganz schön viel los. Heat und Igel hüpften herum, wie zwei wilde Hühner und jagten einander. Igel hatte einen Schlüssel in der Hand und hielt diesen einem aufgebrachten Heat vor die Nase.
Völlig verschlafen getraute sich Immanuel hinaus und gähnte herzhaft.
„Wasn hier los?“ für einen Moment vergass er, dass hier nicht sein Zuhause war, zumindest noch nicht. „Oh, entschuldigt. Ich sollte hier keine…“
„Nein du hast recht“, Lisa stand neben ihm mit in die Hüften gestemmten Fäusten. „Was ist hier los, ihr beiden? Igel, heute hat Heat das Auto und ich hoffe, dass er es dieses Mal unbeschadet zurück bringt.“
„Das war nicht meine Schuld! Der Arsch hat MIR dir Vorfahrt genommen! Der hat mich von der Strasse gedrängt“
Er schnappte sich den Schlüssel, der nun unbeweglich vor seiner Nase baumelte, da Igel klein beigegeben hatte. „Vielen Dank!“
Heat rannte lachen den Gang entlang Richtung Aussentür und Igel lief lässig zurück zur Küche. „Naja, bekomme ich eben morgen die Kiste.“
Naben Immanuel kicherte Lisa unterdessen. „Nein, die beiden immer. Sie sind übrigens immer so. unsere beiden Raufbolde sozusagen. Also keine Angst. Wenn sie dich allerdings nerven, dann kannst du es ihnen gern sagen.“
„Danke, aber ich denke nicht…“ seine Stimme wurde immer leiser und er senkte den Blick.
„Was denkst du nicht? Ich habe von gestern erfahren. Weißt du, das ist normal. Wie dir schon Heat erzählt hat, wir verstehen das alles. Viele von uns waren ähnlich verunsichert, wie du es jetzt bist. Gib dir einfach etwas Zeit und versuch es zu verstehen und damit zu leben. Es ist wirklich nicht so schlimm, wie du im Moment denkst.“
Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich glaube ich werde nie damit klar kommen. Schau mich doch an. Ich bin hässlich.“
Lisa sah ihn tatsächlich an, musterte ihn. „Was denkst du, zählt mehr? Dass du aussiehst, wie ein Wesen, was Menschen als Teufel oder Dämon bezeichnen und ein gutes Herz hast, oder dass du toll aussiehst und dafür ein absolutes Arschloch bist?“
„Ich sah zwar nicht sonderlich hübsch aus, aber zumindest menschlich und woher willst du wissen, dass ich nicht sowohl hässlich nach aussen hin bin, wie auch innen drin? Hässlich und ein Arschloch?“
Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Das glaube ich nicht. So wie du reagierst, hast du ein gutes Herz. Und das, was mir Lauren erzählt hat rundet meine Vermutung über deinen Charakter ab. Du bist lediglich verwirrt. Und nun komm erst einmal etwas essen. Ich wette, dass du ziemlich ausgehungert bist.“
Wohl wahr. Gestern war er schon hungrig gewesen und dann doch ohne Essen ins Bett gegangen. Heute rebellierte sein Magen und zog sich schmerzhaft zusammen. Was wirklicher Hunger war, hatte er auch erst seit seiner Wandlung herausgefunden. Ihm war nun klar, warum man Nahrung schätzen sollte, egal wie eklig sie vielleicht schmeckte.
Hier hatte er allerdings kein schlechtes Essen zu erwarten. Es gab in der Küche jede Menge Toast mit verschiedenen Marmeladen und Honig. Ausserdem standen Cornflakes mit Mild herum und Früchte, Säfte, Brote und Brötchen. Es roch nach gebratenem Ei und Speck.
Die hier Anwesenden waren Steini, der einen Berg von Sandwichs auf seinem Teller Hatte und einen Stapel von vieren sich gerade in den Mund schob, Simon und Lauren, die beinahe synchron ihre Cornflakes assen und Geek, der sich Speck mit Spiegelei gebraten hatte und diese nun von der Pfanne auf seinen Teller gleiten liess.
Zaghaft nickte er allen zu und flüsterte ein „Guten Morgen“. Als Antwort bekam er ein Lachen von Lauren, ein Grinsen von Simon, ein „Morgen“ von Geek und ein „Moarschen“ von Steini, der während seines Grusses versuchte das Essen im Mund zu behalten. Das sah so lustig aus, dass Immanuel zum ersten Mal seit langem wieder richtig lachen musste.
Er setzte sich an die Bar der offenen Wohnküche. Das Essen brachte schon Mondkatze, die ihn nicht dazu kommen lassen hatte, es selbst zu holen.
„Hier, ich denke mal, dass das reichen dürfte, oder?“ Sie schob ihm einen Teller mit einem Ei darauf und etwas Speck zu, der ausserdem noch Toast, einen halben Apfel und ein paar süsse Kleinigkeiten enthielt. Eben ein reichliches Frühstück.
Immanuel konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ohne ein „Danke“ oder irgendwas sonst, griff er sich Messer und Gabel und fing an das Essen in sich hineinzuschlingen. Hauptsache sein Magen, der seit drei Monaten nur noch Abfälle der Menschen vorgesetzt bekommen hatte, bekam endlich wieder etwas Anständiges. Die anderen wirkten überrascht über diesen monstermässigen Hunger.
Nachdem der Magen gefüllt und wahrlich kugelrund war, beobachtete Immanuel das Treiben hier bei seiner angeblich neuen Familie. Noch konnte er sich mit diesem Gedanken nicht wirklich anfreunden, denn er war immer noch der Meinung, dass sein Aussehen erheblich anders war, als deren und dass sie ihm jetzt nur etwas vorspielen würden. Trotzdem, ein winziger Teil in ihm wollte sich der Illusion hingeben und die Neugier trieb ihn an, ein wenig hier zu verweilen und es einmal zu versuchen.
Mondkatze hatte sich der Jüngeren angenommen und brachte ihnen das Rechnen bei. Sie schien gut in Mathe zu sein und scheinbar auch in anderen Dingen, denn auch Deutschunterricht, Englisch und einige andere Fächer brachte sie denen näher, die es noch nötig hatten. Die Erklärung folgte auf dem Fusse und zwar von Steini, der sich hinter ihn gestellt hatte und beobachtete, was er beobachtete.
„Sie wollte mal Lehrerin werden und studiert auch. Ist grad Semesterpause. Sie hat’s auch nach ihrer Mutation nicht aufgegeben.“
„Oh. Naja, sie kann sich ja wenigstens unter Menschen zeigen.“
„Ja, aber auch sie muss aufpassen. Manchmal treten unsere Kräfte einfach so auf, wenn wir uns nicht ganz unter Kontrolle haben. Und stell dir vor, wenn sie einmal im Studium einfach so die Gestalt einer Grosskatze annimmt. Nicht auszudenken.“
„Wem sagst du das.“ Immanuel liess den Kopf hängen und seufzte. Ihm war ähnliches passiert und die Reaktion seiner Familie war verheerend gewesen.
„Ey, lass den Kopf nicht hängen, du.“ Steini klopfte ihm auf den Rücken und das so derbe, dass Immanuel einige Schritte nach vorne stolperte. Die schmerzende Schulter haltend sah er Steini verwirrt an.
„Oh entschuldige. Ich bin manchmal ein wenig ungestüm. Ich wollte dich nur aufmuntern, weißt du. So ein freundlicher Klaps eben.“ Unsicher kratzte sich Steini am Rücken und grinste falsch. Man konnte deutlich sehen, dass es ihm peinlich war.
„Mutationen sind nichts schlechtes, weißt du?“
Immanuel zog eine Braue nach oben und musterte Steini skeptisch. „Ach wirklich?“
„Ja, wirklich. Man kann damit viel Gutes machen. Kennst du die X-Men?“
Immanuel schüttelte mit dem Kopf.
„Solltest du aber. Wir eifern ihnen allen nach und versuchen Gutes mit unseren Kräften zu schaffen. Verbrecherbekämpfung und so was, weist du?“
Immanuel räusperte sich, denn ihm war plötzlich eingefallen, dass er früher mal X-Men in einem Comicgeschäft auf einem Comic gelesen hatte.
„Das sind doch Superhelden aus einem Comic, mehr nicht.“
„Nein, sind es nicht. Es gibt von ihnen Comics, aber sie gibt es wirklich. Sie sind real wie du und ich.“ Hinter Steini war Geek aufgetaucht, wie es seiner Art entsprach, klebte er an der Decke und sah auf sie hinab.
„Sie sind in Amerika sehr bekannt. Professor Xavier, Wolverine, Storm und alle ihre Freunde. Wir würden auch gern mit ihnen in Kontakt treten, aber das hat sich bisher als schwierig herausgestellt. Wir schaffen es ja kaum, deutschlandweit mit anderen Mutanten in Kontakt zu treten. Leider. Die meisten halten sich versteckt, wie wir und agieren im Untergrund und viele leider auf der falschen Seite. Allerdings habe ich gehört, dass die X-Men auch gerne einmal ausserhalb Amerikas Missionen durchführen, nur ob sie jemals nach Leipzig kommen werden?“
Immanuel lachte laut auf. „Ihr denkt doch nicht wirklich, dass, wenn sie wirklich existent sind, hier her kommen würden, oder? Wie ihr von ihnen redet, sind das ziemlich hohe Tiere, zumindest unter Mutanten und die lassen sich bestimmt nicht herab, um hier einzukehren.“
Geeks Ausdruck wandelte sich von begeistert sofort in wütend.
„Was solln das heissen? Willst du damit sagen, dass wir hier Dreck sind und die deswegen nicht kommen werden? Wie kannst du nur meinen was besseres zu sein? Du bist doch genauso wie wir und dann sprichst du so herablassend?“ Geek ging auf Immanuel los und stiess ihm seine Finger in die Brust. „Wir lassen uns hier viel bieten, auch von Neulingen, aber sicher nicht so was. Du bist völlig neu hier und wir versuchen hier alle nett zu dir zu sein und dann hältst du uns nicht für würdig um unsere Idole zu empfangen? Das ist eine ungeheure Frechheit von dir!“ Nachdem Geek ihm einige Schritte zurückgedrängt hatte, blickte er in glühende, rote Augen und auf knirschende, weisse und vor allem spitze Zähne.
„Ich habe euch nie darum gebeten freundlich zu tun und mich hier aufnehmen zu müssen. NIE. Ich komme auch prima ohne so einen Haufen aus, der an Hirngespinste glaubt und nicht die Realität sieht. Wenn ich wirklich wie ihr wäre, dann sind wir alle Monster in de Augen der anderen. Von einem Versteck ins nächste. So was ist doch kein Leben!“
Mit diesen Worten drängte er sich an Geek und dann an Steini vorbei, welcher die ganze Zeit stumm dagestanden hatte. Hastigen Schrittes lief er zum Ausgang und verschwand in den sonnendurchfluteten Strassen Leipzigs.
Geek knurrte nur und zog sich, immer noch wütend, in sein Zimmer zurück, Steini war weiterhin ein stummer Fels, der vor dem Eingang stand und Mondkatze, sowie Samdra, Lauren, Simon, Kara und Leo sassen mit offenem Mund, den Blick in Richtung des eben Geschehenen gerichtet, auf dem Sofa.
Erst vor einer Stunde war ein Zug über die Gleise gerattert und hatte etwas Staub und ein paar Zeitungsfetzen aufgewirbelt. Diese Ruine wurde gern hin und wieder von Obdachlosen als Regenschutz verwendet, oder aber von Bürgern naher Wohnviertel als Mülldeponie. Dementsprechend sah es aus und roch es auch. Eine Ecke zu finden, in der es nicht nach Urin, altem Öl oder gar schlimmeren roch, war wahrlich schwer und der Neuankömmling rümpfte seine Nase. Für ihn, mit dem feinen Geruchssinn einer Katze, war es beinahe unerträglich und er hasste deshalb die Bauten von Menschen. Doch ihn hatte etwas neugierig gemacht. Oft kam er nicht hier vorbei, doch einmal im Jahr führte ihn ein bestimmter Weg an dieser Ruine vorbei und sonst immer roch es nicht so extrem nach Angst und nach Kummer. Jemand anderes war hier, jemand, der sich zu verstecken versuchte.
Leichten Fusses untersuchte er deshalb die Gegend genauer, sah in alten Betonröhren nach, lugte hinter einige Ecken und spähte in die dunklen Nischen. Vor einem alten Eingang zu einer grossen, aber zerfallenen Halle blieb er stehen und schnüffelte. Hier war der Geruch am intensivsten.
„Ist hier jemand?“ fragte er leise ins Dunkel hinein, doch niemand antwortete ihm.
„Möchtest du nicht mit mir sprechen?“ wieder folgte keinerlei Antwort.
„Gut, dann gehe ich wieder. Allerdings finde ich es verwunderlich, dass sich jemand ausgerechnet da verkriecht, wo auch der Geruch von Fäkalien am grössten ist. Mir würde es nicht in einer Menschentoilette gefallen, keine eine Sekunde lang.“
Er wartete noch eine Weile geduldig ab. Er hatte schon etwas Erfahrung im Umgang mit verunsicherten, ängstlichen Geschöpfen und erhoffte sich hier ebenfalls eine kleine Regung, ein kleines Zeichen und vielleicht etwas Gewissheit. Denn eine Ahnung hatte er. Sie musste sich nur noch bestätigen.
Es verstrichen ganze fünfzehn Minuten und er wollte sich schon abwenden, da lies ein Geräusch seine Ohren zucken und er blickte wieder hoch interessiert zu dem Eingang. Es regte sich etwas dort drin und wenige Sekunden später leuchteten zwei rote Punkte auf, Augen.
„Ah. Ich sehe zwei Augen. Komm doch heraus. Ich tu dir nichts und sollte dich meine Gestalt etwas entsetzen, so wechsle ich sie gerne für dich.“
In Wirklichkeit war derjenige, der bisher gesprochen hatte, kein Mensch. Er war ein grosser Panther mit silbrig, weissem Fell und einigen schwarzen Streifen, als hätte sich ein sibirischer Tiger mit einem Panther gepaart. Er war gross und seine gelben Raubkatzenaugen leuchteten in der Dunkelheit wie zwei kleine Scheinwerfer. Seine grossen Pranken hatten eingefahrene Krallen und seine weissen Zähne blitzten bei seinen Worten immer wieder weiss auf.
„Ich entschuldige mich ausserdem, dass ich mich bisher noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Mondkatze. Zumindest nennen mich so meine Freunde.“
Aus dem Hauseingang kam ein kurzes Grollen, dann zwei bis drei Minuten kein weiterer Laut. Mondkatze dachte schon, ihre Worte hätten irgendwie für Verärgerung gesorgt, doch als sich dann jemand wirklich aus dem Eingang heraus wagte, erkannte sie, dass ihre Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hatten.
Zögerlich zeigte sich ihr ein junger Teenager, zumindest vermutete sie, dass es ein Junge im Alter zwischen sechzehn und achtzehn Jahren sein könnte. Er hatte dunkle, schwarzblaue Haut, schwarzes, ungepflegtes und langes Haar, noch keinen Bart, aber dafür Hörner, die sich nach hinten bogen und ein wenig an Kudus erinnern liessen. Seine ehemalige Kleidung war schon lange zu Fetzen am Leib geworden und sein merkwürdiges Aussehen rundeten Lederschwingen am Rücken und ein langer, dürrer Schwanz mit einfacher Spitze ab.
Er schien oft geweint zu haben, denn jetzt, da man dass Weiss in seinen Augen erkennen konnte, sah man auch die starke Rötung, die durch permanentes Weinen und Augenreiben entstanden war.
„Oha! So siehst du also aus“, entfuhr es Mondkatze, doch sie setzte schleunigst noch etwas dran, da ihr gegenüber wohl schon den Rückzug in Erwägung zu ziehen suchte. „Keine Angst, dass ich jetzt Angst habe, oder so. Nein, ganz im Gegenteil. Ich war nur etwas überrascht, dass ich auf einen Mutanten treffe. Ich lebe zwar zusammen mit einigen, aber viele von ihnen leben versteckt unter den Menschen und getrauen sich nicht, ihre wahre Identität zu zeigen. Du scheinst dich zurückgezogen zu haben. Aber das kann ich auch verstehen. Sicherlich hat sich deine Familie von dir abgewandt, als du plötzlich anders wurdest, oder?“
Es folgte nur ein Nicken als Antwort und eine träne, die aus den Augen herab lief.
„Wie lange bist du schon hier?“
„Drei Monate.“
„Oh schon so lange? Entschuldige, dass ich nicht schon eher hier vorbei gelaufen bin, aber ich komme hier nur ungefähr einmal im Jahr vorbei, um zum Grab meiner ehemaligen Familie zu gehen. Ich meide sonst eher solche Orte hier. Zu stinkig, wenn du verstehst, was ich meine.“
Erneut folgte ein Nicken und dann setzte er zu einem Wort an, vielleicht auch einem Satz oder einer Frage, doch er schloss den Mund ohne einen einzigen Vokal auszusprechen.
„Sagst du mir deinen Namen?“
Er sah sei mit seinen roten Augen sehr intensiv an, als könne er Gedanken lesen. Mondkatze wurde es etwas komisch, denn sie hatte schon von Mutanten gehört, die andere mit einem einzigen Gedanken töten konnten.
„Immanuel Weber. Aber Mondkatze ist doch kein richtiger Name, oder?“
Die grosse Raubkatze schüttelte lächelnd mit dem Kopf, auch wenn das Lächeln ein wenig wie ein Zähnefletschen aussah.
„Nein, natürlich nicht. Das ist eine Art Deckname. Ich heisse für gewöhnlich Lisa Müller und laufe auch nicht immer als grosse Raubkatze durch die Gegend, sondern doch schon als Mensch. Ich kann meine Gestalt wandeln und besitze den Spürsinn und die Gewandtheit eines Panthers. Das ist oft recht hilfreich, besonders wenn man schnell voran kommen will, da man auf vier Beinen viel schneller ist, als ein Mensch auf seinen zwei.“
Auf ihre Worte folgte eine Pause, ehe sie weiter sprach. „Sicherlich denkst du, dass deine Mutation ein absoluter Pechfall sei. Das habe ich vorher auch gedacht und es verflucht. Doch du wirst lernen damit umzugehen und wenn du mit mir kommst, garantiere ich dir, dass du auch neue Freunde treffen wirst. Wie schon erwähnt, gibt es einige wie dich und mich und wir müssen weiss Gott nicht wie absolute Aussätzige leben. Wir bilden unsere eigene, kleine Gemeinschaft neben der, die eben die normalen Menschen dominieren. Wir sind Mutanten und wir sind stolz darauf, dass wir so sind, wie wir sind. Übrigens setzen wir unsere Kräfte für gute Dinge ein. Wir helfen anderen Mutanten und manchmal sogar normalen Menschen.“
Er hatte sie die ganze Zeit über fixiert und kein Wort gesprochen, als müsse er sich die Worte von ihr genau einprägen, damit auch ja nichts verloren ging, als prüfe er jedes ihrer Worte sorgfältig auf dessen Wahrheitsgehalt. Eine erdrückende Stille lag in der Luft.
Doch dann passierte etwas, was beide spontan und wie auf Kommando lachen lies. Immanuels Magen knurrte laut los.
„Oh, du scheinst hungrig zu sein. Pass auf. Du musst nichts weiter sagen. Komm doch einfach mit und lerne die anderen kennen. Dann kannst du dich immer noch entscheiden. Ah und Essen gibt es auch.“
Essen klang gut und verlockend und sie konnte Hoffnung in seinem Blick erkennen. Ein Nicken später drehte sie sich um und ging zurück, von wo sie gekommen war. Sie würde später bei der alten Hausruine vorbei sehen, die seit dem grossen Brand einsam und verlassen am Stadtrand von Leipzig-Wahren stand. Sie würde ein anderes Mal Blumen hinterlegen und ein wenig trauern. Nun war erst einmal der Neuling wichtiger, denn als Mutanten war das Leben nicht einfach und jeder neu hinzugewonnene Freund war Gold wert.
So liefen sie gemeinsam Seite an Seite der Morgendämmerung entgegen…
Während ihrer kleinen Wanderung durch dunkle Gassen, verlassene Felder und einigen heruntergekommenen Teilen der Stadt, hatten sie nicht viel miteinander gesprochen. Sie hatten aufmerksam sein müssen, denn wenn man sie gesehen hätte, so wäre ein grosses Chaos ausgebrochen. Mutanten waren hier nicht sonderlich bekannt oder gar beliebt und das hatten sie beide schon schmerzlich spüren müssen. Es würde noch genug Zeit zum Reden sein, wenn sie erst einmal im Unterschlupf waren.
Lisa kannte sich bestens aus, wusste um die Winkel, die man verborgen erreichen konnte und kannte auch die Gegenden, in denen Mutanten kein Fremdwort waren, wo sich aber auch niemand mehr dafür interessierte. Dort waren Drogen und Alkohol viel wichtiger, als ein Panther und ein dämonisch aussehendes Wesen. Sicherlich hielten die meisten Bewohner dieser Viertel diese Erscheinung ohnehin für nichts weiter, als eine Halluzination.
Bei einer Eisentür, die zu einem Keller führte, blieb sie dann stehen und deutete Immanuel an, dass er stehen bleiben sollte. Sie klopfte in einem bestimmten Rhythmus gegen das kalte Metall und bekam ein anderes Klopfsignal als Antwort. Wenige Zeit später öffnete sich die Tür und hinaus schaute ein robust wirkender, junger Mann, den man eindeutig als Schrank bezeichnen konnte. Er war fast zwei Meter gross, hatte breite Schultern, einen muskulösen Körperbau und ein grimmiges Gesicht. Etwas erschrocken wich Immanuel nach hinten aus, als dieser Koloss weiter aus der Tiefe auftauchte und seine wahre Grösse zu erkennen gab. Doch Lisa schien ihn zu kennen und nickte ihm zu.
„Hallo Steini. Ich bin etwas eher zurück.“
Der Riese wechselte urplötzlich seinen Ausdruck und ein strahlendes Lächeln umspielte seine Lippen. Immanuel war vollkommen irritiert, denn das hätte er von diesem bulligen Typen nicht erwartet.
„Ah Mondkatze. In der Zeit hast du es aber nicht geschafft zu deinem Elternhaus zu gelangen, oder?“
Sie schüttelte mit dem Kopf und sah dann zu ihrem bisherigen Begleiter.
„Das ist Immanuel. Ich habe ihn in einem der zerfallenen Industriekomplexe an der Bahnstrecke nahe Wahren aufgegabelt. Er scheint noch nicht viel von unserer Welt zu wissen, ein Frischling sozusagen. Ich habe ihn mitgebracht, damit er uns kennenlernt und vielleicht auch ein wenig sich selbst.“
Immanuel winkte verunsichert. Für mehr als diese Begrüssung hatte er derzeit einfach keinen Mumm.
Steini grinste. „Ich mache ihm doch nicht etwa Angst, oder? Ach, kommt doch einfach rein. Ist schliesslich nicht sehr warm da draussen.“
Tatsächlich war es nicht sehr warm an diesem Tag. Der Mai hatte derzeit einfach kein richtiges Glück mit der Sonne gehabt und auch heute brach nur vereinzelt ein Lichtstrahl durch eine graue Suppe aus Wolken. Lisa hatte Fell und sie juckten deswegen tiefere Temperaturen nicht sonderlich, doch Immanuel war beinahe nackt. Die paar Fetzen, die noch an ihm hingen, wärmten nicht seinen Körper und so fror er schon etwas. Allerdings rückte dies ein wenig in den Hintergrund, denn seit ein paar Stunden wurde er von neuen Eindrücken bombardiert, für die er jetzt seine volle Aufmerksamkeit benötigte.
Alle drei traten in den Keller hinein und als Steini die Tür hinter ihnen schloss, spürte Immanuel, dass es wärmer zu werden schien. Er hatte seinen blick noch immer auf Steini haften, denn geheuer war ihm der Riese noch immer nicht und so bemerkte er nicht die Wandlung von Mondkatze, die sich hinter seinem Rücken vollzog. Erst, als sie ihn ansprach und eine ihrer zarten Hände auf die Schulter legte, zuckte er zusammen und fuhr herum.
Vor ihm stand nun eine wunderschöne, junge Frau, die ihn mit ihren rosa Lippen anlächelte. Ihr schulterlanges, leicht gewelltes Haar war weiss, wie ehemals ihr Fell und an den Spitzen waren sie schwarz. Ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten eine besondere Wärme aus, die Immanuel ergriff und ihm das Gefühl von Geborgenheit gaben. Die grosse, majestätische Raubkatze war eine wunderbare, einfühlsame, junge Lady geworden.
„Komm mit. Ich werde dich den anderen vorstellen.“ Die sanften Worte klangen noch etwas in seinem Kopf nach, als er den nächsten Raum betrat und ihn ein Schwall von heisser Luft entgegen flog. Die Beklommenheit verflüchtigte sich wie von selbst und Neugierde erfasste ihn. Mehrere Augenpaare waren auf ihn und Lisa gerichtet, mehr natürlich auf ihn. Sie musterten ihn, aber lediglich neugierig, nicht boshaft und doch kam er sich etwas merkwürdig vor. Er betrachtete sie auch alle.
Insgesamt waren neun Personen noch mit anwesend. Es war ihnen deutlich anzusehen, dass sie alle Mutanten waren. Jeder von ihnen hatte etwas nicht Menschliches an sich, oder tat gerade etwas recht unnormales. Da hing einer die Decke herab und klebte an dieser wie ein Gecko, ein anderer spielte Dart mit den eigenen Dornen, die er aus den Fingern warf. Sein Mitspieler hatte einen kräftigen Arm, der aus Stein zu sein schien und war sonst eher normal gebaut. Wieder ein anderer sah gerade Fern und erschuf selbst Popcorn, indem er die Pfanne mit den eigenen Händen erhitzte. Zwei weitere sassen einfach nur da mit glühenden Augen. Sie waren eindeutig Zwillinge, denn beide sahen vollkommen identisch aus. Ein kleines Mädchen holte sich ein Buch aus dem obersten Regal, indem es einfach dort oben schwebte. Zu guter Letzt sassen noch beim Fernsehen zwei weitere Personen, beide Weiblich und beide mit Tattoos im Gesicht und am Hals, die sicherlich noch weiter über den Körper verteilt waren. Sie waren die einzigen beiden, die nur Fern gesehen hatten und am normalsten von allen wirkten, ausser natürlich ihrem seltsamen Aussehen. Im Gegensatz zu den Zwillingen waren sie unterschiedlich gross und auch sonst glichen sie sich in nichts, nicht einmal ihre Tattoos waren identisch.
„Sie alle sind Mutanten, so wie du und ich und Steini da draussen“, bemerkte Lisa und folgte dem musternden Blick von Immanuel.
„Der an der Decke ist Geek, die beiden am Dartbrett sind Igel und Hammer. Ist für dich sicher nicht schwer zu erkennen, wer welcher von beiden ist. Naja, auf dem Sofa hocken Heat, der spasseshalber auch Mister Popcorn genannt wird und die beiden Schwestern Kara und Leo. Kara ist die grössere von beiden, Leo dann logischerweise die mit der Dauerwelle. Beide sind wie Feuer und Eis. Das schwebende Mädchen ist Samdra und die beiden Zwillinge sind unsere beiden Gedankenschinder Simon und Lauren. Sie können Gedanken lesen und manipulieren, besonders gut, wenn sie gemeinsam ihre Kräfte nutzen.“
Die vorgestellten Personen winkten kurz Immanuel zu und Heat vergass dabei den Deckel von der Pfanne festzuhalten, weswegen das Popcorn dann fröhlich heraus hüpfte und sich unregelmässig im Raum verteilte. Die beiden Schwestern Kara und Leo protestierten lauthals, als sie einen Schwung der salzigen Kalorienbombe auf ihre Klamotten bekamen.
„So, Leute und das ist Immanuel. Ich habe ihn unterwegs aufgegabelt und ihn überredet, sich mal unseren kleinen Sauhaufen hier anzusehen. Er scheint noch nicht sehr vertraut mit dem Thema Mutation, also erschreckt ihn nicht gleich am Anfang so.“
„Aye Ma’am!“ tönte es einstimmig aus jeder Richtung des Raumes.
Immanuel war froh, dass nicht jeder gleich auf ihn zugestürzt kam und von ihm alles Mögliche wissen wollte. Die Worte von Lisa schienen ausgereicht zu haben, um die erste Neugierde zu befriedigen und so konnte sie ihm ohne weiteres einen Schlafplatz zuweisen und ein wenig herumführen, ohne dass sie gestört wurden.
Die Unterkunft war recht gross, was man anfangs gar nicht vermuten würde. Es waren viele Schlafquartiere in dem weitläufigen, ausgebauten Keller untergebracht, sowie eine riesige, offene Küche und eben das schöne grosse Wohnzimmer. Ausserdem gab es einen Trainingsraum und ein paar kleinere Räume, die man als Rückzugsorte nutzte. Eine Bibliothek und ein Multimediaraum waren ebenfalls vorhanden. Alles in allem viel Platz und Immanuel hatte das Gefühl, dass hier mehr Leute wohnen würden, als nur die elf Personen, die er bisher kennengelernt hatte.
Als sie wieder zurück im Wohnzimmer waren, fehlten einige. Auf den fragenden Blick von Immanuel hin, deutete Heat zur Küche.
„Die vier Nasen, die hier fehlen, sind unsere Köche und zaubern uns sicher was Feines. Vom Popcorn wird man auf Dauer ja nicht satt. Heute soll es Chinesisch geben. Sie hatten gestern so einen kleinen Köter in einer Gasse auftreiben können.“
Immanuels Gesicht sprach Bände und Heat lachte laut auf.
„Hey, Kleiner. Das ist ein Scherz, ok? Wir kochen doch keine kleinen Wauzis. Wenn dann schon eher grosse, gestreifte Panther.“
„Na dann unterhaltet euch mal fein weiter, setz dem Neuen aber nicht gleich irgendwelche Flusen in den Kopf“, Lisa hatte die kleine Anspielung gekonnt überhört. Mit dem Charakter von Heat wusste sie schon lange umzugehen. Er liebte es, den Obermacker zu spielen, auch wenn es immer nur Spass war. Wirklich ernste Momente hatte er nur selten und wenn, dann waren sie wirklich extrem ernst.
Während sie in die Küche ging, um dort nach dem Rechten zu schauen, deutete Heat auf den Platz neben sich, auf dem vorher noch die beiden Schwestern mit den Tattoos gesessen hatten.
„Pflanz dich hin!“
Immanuel kam zu ihm und setzte sich. Als er sich umschaute, stellte er fest, dass Igel und Hammer immer noch Dart spielten, das kleine Mädchen mittlerweile auf einem Sitzkissen hockte und das Buch aus dem Regel las und Heat sein Popcorn aufgegessen hatte.
„Sind die restlichen fünf wirklich in der Küche?“
Heat nickte.
„Jep. Und die werden sich bestimmt wieder streiten, wer was machen darf. Ich halte mich da raus. Als ich das letzte Mal gekocht hatte, da war der Herd kaputt. Ich durfte Herdplatte spielen. Toll, nicht?“
„Erm…“
„Richtig. Ich fands auch nicht gerade prickelnd. Aber hey“, er setzte sich spontan anders hin und sah nun Immanuel direkt an, „Erzähl doch mal was von dir. Wie alt bist de?“
„Öh siebzehn. Werde aber bald achtzehn.“
„Aha und du bist erst seit neuem so…also so vollkommen mutiert, meine ich.“
„Seit drei Monaten etwa.“
„Na das ist ja nun wirklich nicht sehr lange. Weißt du denn schon, welche Fähigkeiten du hast? Schon Mal zu fliegen versucht?“ Er zupfte dabei an den Flügeln, die Immanuel am Rücken trug und bisher nie bewegt hatte.
„Nein, habe ich noch nicht. Ehrlich gesagt finde ich die hässlich. Ich sehe aus wie ein Monster.“
Heat hob seine rechte Augenbraue an und seufzte. Er legte beide Hände auf die Schultern von Immanuel und starrte ihn genau an.
„Jetzt hör mal zu, du Frischling. Ich nenn dich Frischling, weil du hier der jüngste Mutant bist. Ja, auch Samdra ist älter als du!“ Er hatte die Bewegung de Pupille zu Samdra hinüber bemerkt. „Du kannst dich ruhig als Monster bezeichnen, wenn du dich besser fühlst, aber du bist bestimmt keins. Hast du schon einmal irgendwen ermordet? Nein? Ok, dann irgendwas anderes verbotenes getan? Auch nicht? Fein… Dann sag ich dir, dass das Aussehen alleine niemanden zu einem Monster macht. Immer nur die Taten und stell dir vor. Da gibt’s mehr Monster unter den normalen Menschen, als unter uns Mutanten.“
Immanuel senkte den Kopf.
„Dich wird hier nie einer als Monster bezeichnen und wenn es einer tut, dann bekommt der von mir höchstpersönlich einen derben Schlag in die Fresse. Kannst de glauben.“
Immanuel sah sich seine Hände an, sie waren blauschwarz und die Fingernägel waren wie Krallen gewachsen. Er ballte sie zu Fäusten und Tränen tropften auf sie hinab. Stumme Tränen. Das bemerkte Heat und sah zur Decke.
„Junge Junge! Du hast so sicher alles verloren, oder? Fast jeder von uns hat nach seiner Mutation sein altes Leben aufgeben müssen. Gut, Samdra hätte es weiterleben können, aber als nie wachsendes Kind ist das auch irgendwie doof gewesen, glaube ich. Sie ist eigentlich zweiundzwanzig und schaut immer noch aus wie Neun“, er setzte kurz ab und seufzte. „Wir verstehen deinen Kummer und keiner wird dir verbieten mal schlechte Laune zu haben, oder wie jetzt zu weinen“, er klopfte ihm auf die Schulter und blickte ihn verständnisvoll an. „Heul dich aus, Kleiner. Wir können jetzt deine neue Familie sein.“
Damit hatte Heat allerdings einen wunden Punkt erwischt, denn Immanuel hatte sehr an seiner Familie gehangen und war vollkommen irritiert von deren Verhalten gewesen, als die Mutation bei ihm vollkommen ausgebrochen war. Sie waren es, die ihn Monster und Teufel genannt hatten. Seine gläubige Mutter war schreiend vor ihm weggelaufen und sein Bruder hatte die Polizei rufen wollen.
Er stand hastig auf und rannte aus dem Zimmer, hinein in den Raum, der ihm als neues Schlafquartier dienen sollte. Dort rollte er sich auf dem Boden zusammen und nutzte zum ersten Mal seine Flügel, um sich mit ihnen zu verhüllen. Er schluchzte laut und lies seinem Kummer und seinem Frust freien Lauf.
Ja, Monster hatten sie ihn genannt und fortgejagt hatten sie ihn. Ihren Sohn und Bruder, Ihren Kleinen. Alle lieb gemeinten Versprechungen waren an einem Tag hinfällig geworden. Plötzlich hatte er nur noch sich und sonst nichts weiter. Er hatte sich nirgendwo mehr hingetraut, ausser in diese alte verlassene Industrieruine, die er durch Zufall gefunden hatte. Lediglich vier Monate waren seit seinem Umzug nach Leipzig vergangen und er war nun nicht nur ein Fremder in einer fremden Stadt, sondern ein Fremder in einem fremden Körper.
Mit seinen Krallen schnitt er sich tief in den Oberarm, denn der Schmerz sorgte dafür, dass etwas der Anspannung und des seelischen Schmerzes vorüber ging. Es linderte, lenkte ab. Er biss sich auf die Lippe, weil er sich so sehr hasste. Eigentlich hatte er alleine auf diesem Gelände am Bahnhof bleiben sollen, er wäre dort verhungert oder verdurstet, oder was auch immer. Aber er hätte nicht mehr viel länger in diesem verfluchten Körper zubringen müssen.
Wieso hatte er sich so beschissen gewandelt? Warum hatte ihn dieses Pech heimgesucht? Weshalb war er Mutant geworden? Hatte etwa der Gott, an den seine Mutter immer so fest geglaubt hatte, Hass gegen ihn empfunden, weil er niemals gläubig sein wollte? War das die Strafe dafür?
„Wenn ja, dann war es ein beschissener Gott und nicht wert, dass man an ihn glaubt“, eine sanfte Stimme ging durch seinen Geist und plötzlich fühlte er sich vollkommen befreit von Schmerz und Kummer und fühlte sich federleicht, vollkommen sorgenfrei. Ein leichtes Summen schien ihn in einen friedlichen Schlaf zu wiegen.
„Schlafe erst einmal. Morgen wird alles schon viel schöner sein.“
„Gnaaaaa! Rück den Schlüssel raus! Komm schon. Ich bin heute dran mit fahren! Ich will! Gib Gib GIB!“
„Haha bekommst du aber nicht! Ich habe ihn zuerst gegriffen. Du fährst ohnehin wieder gegen den nächsten Baum!“
„Hey, da war ich nicht dran schuld!“
Auf dem Gang war schon früh ganz schön viel los. Heat und Igel hüpften herum, wie zwei wilde Hühner und jagten einander. Igel hatte einen Schlüssel in der Hand und hielt diesen einem aufgebrachten Heat vor die Nase.
Völlig verschlafen getraute sich Immanuel hinaus und gähnte herzhaft.
„Wasn hier los?“ für einen Moment vergass er, dass hier nicht sein Zuhause war, zumindest noch nicht. „Oh, entschuldigt. Ich sollte hier keine…“
„Nein du hast recht“, Lisa stand neben ihm mit in die Hüften gestemmten Fäusten. „Was ist hier los, ihr beiden? Igel, heute hat Heat das Auto und ich hoffe, dass er es dieses Mal unbeschadet zurück bringt.“
„Das war nicht meine Schuld! Der Arsch hat MIR dir Vorfahrt genommen! Der hat mich von der Strasse gedrängt“
Er schnappte sich den Schlüssel, der nun unbeweglich vor seiner Nase baumelte, da Igel klein beigegeben hatte. „Vielen Dank!“
Heat rannte lachen den Gang entlang Richtung Aussentür und Igel lief lässig zurück zur Küche. „Naja, bekomme ich eben morgen die Kiste.“
Naben Immanuel kicherte Lisa unterdessen. „Nein, die beiden immer. Sie sind übrigens immer so. unsere beiden Raufbolde sozusagen. Also keine Angst. Wenn sie dich allerdings nerven, dann kannst du es ihnen gern sagen.“
„Danke, aber ich denke nicht…“ seine Stimme wurde immer leiser und er senkte den Blick.
„Was denkst du nicht? Ich habe von gestern erfahren. Weißt du, das ist normal. Wie dir schon Heat erzählt hat, wir verstehen das alles. Viele von uns waren ähnlich verunsichert, wie du es jetzt bist. Gib dir einfach etwas Zeit und versuch es zu verstehen und damit zu leben. Es ist wirklich nicht so schlimm, wie du im Moment denkst.“
Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich glaube ich werde nie damit klar kommen. Schau mich doch an. Ich bin hässlich.“
Lisa sah ihn tatsächlich an, musterte ihn. „Was denkst du, zählt mehr? Dass du aussiehst, wie ein Wesen, was Menschen als Teufel oder Dämon bezeichnen und ein gutes Herz hast, oder dass du toll aussiehst und dafür ein absolutes Arschloch bist?“
„Ich sah zwar nicht sonderlich hübsch aus, aber zumindest menschlich und woher willst du wissen, dass ich nicht sowohl hässlich nach aussen hin bin, wie auch innen drin? Hässlich und ein Arschloch?“
Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Das glaube ich nicht. So wie du reagierst, hast du ein gutes Herz. Und das, was mir Lauren erzählt hat rundet meine Vermutung über deinen Charakter ab. Du bist lediglich verwirrt. Und nun komm erst einmal etwas essen. Ich wette, dass du ziemlich ausgehungert bist.“
Wohl wahr. Gestern war er schon hungrig gewesen und dann doch ohne Essen ins Bett gegangen. Heute rebellierte sein Magen und zog sich schmerzhaft zusammen. Was wirklicher Hunger war, hatte er auch erst seit seiner Wandlung herausgefunden. Ihm war nun klar, warum man Nahrung schätzen sollte, egal wie eklig sie vielleicht schmeckte.
Hier hatte er allerdings kein schlechtes Essen zu erwarten. Es gab in der Küche jede Menge Toast mit verschiedenen Marmeladen und Honig. Ausserdem standen Cornflakes mit Mild herum und Früchte, Säfte, Brote und Brötchen. Es roch nach gebratenem Ei und Speck.
Die hier Anwesenden waren Steini, der einen Berg von Sandwichs auf seinem Teller Hatte und einen Stapel von vieren sich gerade in den Mund schob, Simon und Lauren, die beinahe synchron ihre Cornflakes assen und Geek, der sich Speck mit Spiegelei gebraten hatte und diese nun von der Pfanne auf seinen Teller gleiten liess.
Zaghaft nickte er allen zu und flüsterte ein „Guten Morgen“. Als Antwort bekam er ein Lachen von Lauren, ein Grinsen von Simon, ein „Morgen“ von Geek und ein „Moarschen“ von Steini, der während seines Grusses versuchte das Essen im Mund zu behalten. Das sah so lustig aus, dass Immanuel zum ersten Mal seit langem wieder richtig lachen musste.
Er setzte sich an die Bar der offenen Wohnküche. Das Essen brachte schon Mondkatze, die ihn nicht dazu kommen lassen hatte, es selbst zu holen.
„Hier, ich denke mal, dass das reichen dürfte, oder?“ Sie schob ihm einen Teller mit einem Ei darauf und etwas Speck zu, der ausserdem noch Toast, einen halben Apfel und ein paar süsse Kleinigkeiten enthielt. Eben ein reichliches Frühstück.
Immanuel konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ohne ein „Danke“ oder irgendwas sonst, griff er sich Messer und Gabel und fing an das Essen in sich hineinzuschlingen. Hauptsache sein Magen, der seit drei Monaten nur noch Abfälle der Menschen vorgesetzt bekommen hatte, bekam endlich wieder etwas Anständiges. Die anderen wirkten überrascht über diesen monstermässigen Hunger.
Nachdem der Magen gefüllt und wahrlich kugelrund war, beobachtete Immanuel das Treiben hier bei seiner angeblich neuen Familie. Noch konnte er sich mit diesem Gedanken nicht wirklich anfreunden, denn er war immer noch der Meinung, dass sein Aussehen erheblich anders war, als deren und dass sie ihm jetzt nur etwas vorspielen würden. Trotzdem, ein winziger Teil in ihm wollte sich der Illusion hingeben und die Neugier trieb ihn an, ein wenig hier zu verweilen und es einmal zu versuchen.
Mondkatze hatte sich der Jüngeren angenommen und brachte ihnen das Rechnen bei. Sie schien gut in Mathe zu sein und scheinbar auch in anderen Dingen, denn auch Deutschunterricht, Englisch und einige andere Fächer brachte sie denen näher, die es noch nötig hatten. Die Erklärung folgte auf dem Fusse und zwar von Steini, der sich hinter ihn gestellt hatte und beobachtete, was er beobachtete.
„Sie wollte mal Lehrerin werden und studiert auch. Ist grad Semesterpause. Sie hat’s auch nach ihrer Mutation nicht aufgegeben.“
„Oh. Naja, sie kann sich ja wenigstens unter Menschen zeigen.“
„Ja, aber auch sie muss aufpassen. Manchmal treten unsere Kräfte einfach so auf, wenn wir uns nicht ganz unter Kontrolle haben. Und stell dir vor, wenn sie einmal im Studium einfach so die Gestalt einer Grosskatze annimmt. Nicht auszudenken.“
„Wem sagst du das.“ Immanuel liess den Kopf hängen und seufzte. Ihm war ähnliches passiert und die Reaktion seiner Familie war verheerend gewesen.
„Ey, lass den Kopf nicht hängen, du.“ Steini klopfte ihm auf den Rücken und das so derbe, dass Immanuel einige Schritte nach vorne stolperte. Die schmerzende Schulter haltend sah er Steini verwirrt an.
„Oh entschuldige. Ich bin manchmal ein wenig ungestüm. Ich wollte dich nur aufmuntern, weißt du. So ein freundlicher Klaps eben.“ Unsicher kratzte sich Steini am Rücken und grinste falsch. Man konnte deutlich sehen, dass es ihm peinlich war.
„Mutationen sind nichts schlechtes, weißt du?“
Immanuel zog eine Braue nach oben und musterte Steini skeptisch. „Ach wirklich?“
„Ja, wirklich. Man kann damit viel Gutes machen. Kennst du die X-Men?“
Immanuel schüttelte mit dem Kopf.
„Solltest du aber. Wir eifern ihnen allen nach und versuchen Gutes mit unseren Kräften zu schaffen. Verbrecherbekämpfung und so was, weist du?“
Immanuel räusperte sich, denn ihm war plötzlich eingefallen, dass er früher mal X-Men in einem Comicgeschäft auf einem Comic gelesen hatte.
„Das sind doch Superhelden aus einem Comic, mehr nicht.“
„Nein, sind es nicht. Es gibt von ihnen Comics, aber sie gibt es wirklich. Sie sind real wie du und ich.“ Hinter Steini war Geek aufgetaucht, wie es seiner Art entsprach, klebte er an der Decke und sah auf sie hinab.
„Sie sind in Amerika sehr bekannt. Professor Xavier, Wolverine, Storm und alle ihre Freunde. Wir würden auch gern mit ihnen in Kontakt treten, aber das hat sich bisher als schwierig herausgestellt. Wir schaffen es ja kaum, deutschlandweit mit anderen Mutanten in Kontakt zu treten. Leider. Die meisten halten sich versteckt, wie wir und agieren im Untergrund und viele leider auf der falschen Seite. Allerdings habe ich gehört, dass die X-Men auch gerne einmal ausserhalb Amerikas Missionen durchführen, nur ob sie jemals nach Leipzig kommen werden?“
Immanuel lachte laut auf. „Ihr denkt doch nicht wirklich, dass, wenn sie wirklich existent sind, hier her kommen würden, oder? Wie ihr von ihnen redet, sind das ziemlich hohe Tiere, zumindest unter Mutanten und die lassen sich bestimmt nicht herab, um hier einzukehren.“
Geeks Ausdruck wandelte sich von begeistert sofort in wütend.
„Was solln das heissen? Willst du damit sagen, dass wir hier Dreck sind und die deswegen nicht kommen werden? Wie kannst du nur meinen was besseres zu sein? Du bist doch genauso wie wir und dann sprichst du so herablassend?“ Geek ging auf Immanuel los und stiess ihm seine Finger in die Brust. „Wir lassen uns hier viel bieten, auch von Neulingen, aber sicher nicht so was. Du bist völlig neu hier und wir versuchen hier alle nett zu dir zu sein und dann hältst du uns nicht für würdig um unsere Idole zu empfangen? Das ist eine ungeheure Frechheit von dir!“ Nachdem Geek ihm einige Schritte zurückgedrängt hatte, blickte er in glühende, rote Augen und auf knirschende, weisse und vor allem spitze Zähne.
„Ich habe euch nie darum gebeten freundlich zu tun und mich hier aufnehmen zu müssen. NIE. Ich komme auch prima ohne so einen Haufen aus, der an Hirngespinste glaubt und nicht die Realität sieht. Wenn ich wirklich wie ihr wäre, dann sind wir alle Monster in de Augen der anderen. Von einem Versteck ins nächste. So was ist doch kein Leben!“
Mit diesen Worten drängte er sich an Geek und dann an Steini vorbei, welcher die ganze Zeit stumm dagestanden hatte. Hastigen Schrittes lief er zum Ausgang und verschwand in den sonnendurchfluteten Strassen Leipzigs.
Geek knurrte nur und zog sich, immer noch wütend, in sein Zimmer zurück, Steini war weiterhin ein stummer Fels, der vor dem Eingang stand und Mondkatze, sowie Samdra, Lauren, Simon, Kara und Leo sassen mit offenem Mund, den Blick in Richtung des eben Geschehenen gerichtet, auf dem Sofa.
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Prolog
i.a.grafix, 13:56h
Als ich Anfang diesen Jahres vom Dorf in die Stadt gezogen war, hatte ich gehofft, dass sich mein leben zum Positiven hin verändern würde. Ich könnte Freunde finden, wie mein grösserer Bruder, vielleicht mit einem Ferienjob etwas Geld nebenbei verdienen und einfach die Schule fertig machen oder sogar die Prüfung schaffen, um aufs Gymnasium gehen zu können. Das wäre toll gewesen. Doch vom Glück war nur genug für meinen Bruder und meine Mutter da. Sie fanden beide einen guten Job, Freunde und hatten viel Spass, seit wir umgezogen waren. Ich ging allerdings leer aus und das Jahr wurde für mich zu einer Katastrophe.
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