Sonntag, 28. Juni 2009
Drachenbund - Kapitel 2 – Entscheidungen
i.a.grafix, 22:47h
„Wage etwas und du wirst die Saat dafür ernten.“
Michael Lervin – Philosoph und Hobbygärtner
Lange war es dunkel, dann tauchten Lichtblitze auf, wurden zu Strichen aus gleissendem Licht, die zu kleinen Supernoven explodierten. Begleitet wurde dieses optische Spektakel von höllischen Schmerzen. Sie fühlten sich an, als würden Ratten an jedem Körperteil nagen, besonders am Kopf.
Das Aufstehen war keine Option, denn der Schmerz lähmte die Glieder. So hatte sich wohl keiner den Tod vorgestellt. Ein Leben nach dem Tode war also noch schlimmer als das Leben an sich?
‚Spitze!’ dachte Raphael, der selbst im Tod versuchte jedem Ding einen Sinn zu geben und alles ergründen zu wollen. ‚Selbst nach meinem Leben hab ich so ein Pech. Wo sind denn das prophezeite Paradies, die Engel und das Himmelstor? Alles immer nur Schwachsinn gewesen? Na, so hatte ich mir das auch vorgestellt. Enttäuschend, aber normal.
So ganz in Gedanken versunken bemerkte er überhaupt nicht, dass er die ganze Zeit berührt wurde. Jemand versuchte ihn zu wecken und ganz allmählich drangen Worte an sein Ohr, die er erst ignoriert hatte.
„Na komm schon, steh auf!“
Zu ihm sprach jemand, doch er sah niemanden. Das war nun wirklich merkwürdig. Aber vielleicht lag das auch an dem umstand, dass er noch nicht ganz die Augen geöffnet hatte.
Wieder dieses gleissende Licht, doch dann wurde es matter und er erkannte umrisse von etwas oder jemandem, der sich scheinbar über ihn gebeugt hatte.
Sie wurden klarer, schärfer und bekamen eine Färbung. Aus Schemen wurden deutliche Dinge und diese wiederum erstaunten Raphael. Über ihn beugte sich eine junge Dame mit langem, braunem Haar, deren Spitzen strohblond waren. Ihre Augen glitzerten wie zwei aufwendig geschliffene Saphire und ihr Lächeln war bezaubernd.
„Ah ihr seid doch nicht tot!“ sprach sie erfreut und lächelte noch breiter, als sie es sowieso schon getan hatte.
Raphael verzog die Schnute. Also war er doch noch am Leben. Er sah sich um. Höchst eigenartig war nicht einmal die Tatsache, dass er nach einem höchstwahrscheinlichem Zusammenstoss mit etwas grossem, schweren nicht das Zeitliche gesegnet hatte, sondern dass er jetzt in einem leicht ruinösen sakralen Bauwerk war und Gesellschaft von einer jungen Dame hatte, die zwar sein Geschmack war, aber irgendwie vom Aussehen her eher an einen Ritter, als an jemanden aus seiner Zeit erinnerte. Verwirrt starrte er sie an, ihre Rüstung, die wie blankpoliertes Chrom glänzte, ihre weisse Kleidung, über der sie die Rüstung trug und ihr Schwert, welches an dem Gürtel um ihre Hüfte angebracht war. Sie wirkte wie ein fremdes Wesen aus einem Traum.
„Ich glaube, ich bin doch tot.“ Antwortete er ihr und versuchte sich zu bewegen. Erst jetzt erkannte er einige Verbände an seinen Armen und um seinen Körper herum. Das fremde Fräulein half ihm bei seinen Versuchen und gemeinsam schafften sie es, ihn in eine einigermassen bequeme Sitzposition zu bringen.
„Wenn ihr wirklich tot wäret, würdet ihr nicht mehr hier sitzen und mit mir sprechen. Übrigens, es tut mir furchtbar leid, dass ich sie so überrannt habe.“
Sie hatte ihn überrannt? Das letzte, an was er sich erinnern konnte, war ein riesiges Maul mit spitzen Zähnen und ein Feuerball, der auf ihn zugerast kam. Oder war das nur ein Traum gewesen?
Er kratzte sich am Hinterkopf und kam dabei an eine seiner vielen beulen. „Autsch!“
„Ihre Wunden dürften bald alle verheilt sein. Dria hat ihr bestes gegeben. Ihre Heilkräfte sind nur leider schon recht erschöpft durch unsere lange Reise.“
Sie zeigte beim Namen „Dria“ auf einen zerfallenen Eingang der Kirche, in der sich Raphael befand und was er da erblickte, lies seinen Atem in der Kehle stecken. Er japste nach Luft und stotterte vor sich hin. „Da…da…das….“
Dort am Eingang sass ein gewaltig grosses, geschupptes Ungetüm, rot und mit einem grossen, mit Zähnen bespickten Maul, welches garantiert Feuer spucken konnte. „Das ist das Ding, was mich vom Himmel holen wollte und…“ er sah sich noch mal kurz um, „es wohl auch geschafft hat.“ Er war aufgebracht, erschrocken und fasziniert zugleich. Dieses Wesen und diese Frau waren wie die Figuren in seinen Träumen, wie die Schatten längst vergangener Zeiten. Und doch konnte er die Tatsache nicht ausblenden, dass er eindeutig von diesem Vieh angegriffen worden war und er beinahe den Tod gefunden hatte.
„Dria wollte dir nichts tun. Sie ist noch ein recht unerfahrener Drache, welcher noch etwas gereizt wirkt, wenn ihm plötzlich jemand in die Flugbahn gerät. Ist ja auch nicht gerade höflich gewesen.“
Die junge Frau stand auf und strich sich die Kleidung wieder zu Recht.
„Wo kommst du eigentlich her?“ diese Frage von ihr war eine, die er eher zu Anfang erwartet und auch gefürchtet hatte. Nun traf sie ihn wie ein Speer ins Herz.
„Ehm… Also ich komme aus Drakora und war mit meinem Flugzeug unterwegs, um vermisste …“ Die Frau hob ihre Rechte Hand und wies ihn an zu stoppen.
„Ah Drakora also. Da komme ich auch her. Nur nicht von oben, sondern aus dem Drakora, welches hier ist.“
Nun war Raphael völlig baff. „Es gibt zwei Drakoras?“ Sie nickte stumm. „Wie denn das?“ Hoffentlich erzählte sie ihm noch etwas darüber.
„Nicht alle wissen es. Ich denke ihr oben wisst es überhaupt nicht. Hier erhalten nur die Drakonier, die Paladine des Königreiches Drakora und die Gelehrten von Rhun dieses Wissen. Ich bin übrigens Drakonier, deswegen ist Dria auch mein Drache“, sie räusperte sich kurz. „Jedenfalls ist es so, dass es zwei Welten gibt. Wir müssen davon wissen, denn es gibt Verbindungspunkte zwischen den Welten. Alles, was kein Lebewesen ist, verbleibt in der jeweiligen Welt und für andere sieht es so aus, als wenn dort ein Unfall passiert sei. Logischerweise trifft es da mehr deine Welt, denn sie wurde auf den Pfeilern unseres Reiches gebaut. Hier haben sich diejenigen hingeflüchtet, die die alte Weltordnung bevorzugen und für diejenigen, die ihnen folgen wollen, Portale übrig gelassen. Alle die, die nach Fortschritt strebten blieben in der Welt, wie du sie wohl kennst.“ Sie blickte in ein völlig verdattertes Gesicht, aus dem man förmlich die Anstrengung ablesen konnte, die nötig sein musste, um ihr noch weiterhin folgen zu können.
„Ich glaube es ist besser, wenn du das von unserem Hüter des Drachenbundes erklärt bekommst. Ich bin nicht so gut in so was und ich glaube du verstehst mich kaum, oder?“ Raphael nickte. Er verstand sie tatsächlich kaum. Sie hatte irgendwie was von zwei Drakoras erzählt und von zwei Welten und er war wohl von der einen in die andere gerutscht. Aber wie konnte das möglich sein?
Grosse Wälle aus Stein, weiss wie Marmor und spitz, hohe Türme prägten auch hier das Stadtbild. Dies war ähnlich zu dem, was er schon kannte. Anders war das geschäftige Treiben auf einem wunderschönen Basar, die fröhlichen Menschen, die vielen Arten von Tieren und die saubere Luft, die durch die Strassen flanierte. Dieses Drakora war viel schöner, als die hoch technologisierte Stadt mit Unmengen an Schuttbergen, schmutziger Luft und einer Fauna, die lediglich aus Menschen und Ratten bestand, die er kannte. So lief er hinter seiner neuen Führerin staunend hinterher, lies seine Blicke über die Auslagen der Stände schweifen, blieb hin und wieder stehen und vergass fast, warum er eigentlich hinter der jungen Frau hinterher lief.
Beinahe hätte er sie an einer Weggabelung verloren, war aber doch noch schnell genug gewesen.
Vor einem Haus mit Kuppeldach blieben sie stehen und Dria, der Drache, wurde von der Lady an einem dafür vorgesehenen grossen Eisenring angekettet. Danach betraten sie beide das Gebäude. Eine riesige Vorhalle hiess Gäste willkommen. Überwältigender Stuck zierte die Decke und die Wände, Säulen mit reich verzierten Kapitellen hielten das Dach und bildeten gleichzeitig eine Passage, die zu einem weiteren, noch grösseren Raum führte. Von diesem gingen strahlenförmig mehrere Gänge ab. Sie standen direkt unter der Kuppel und warteten. Wohin wohl die vielen Gänge führen mochten?
Ein leises Klacken, welches immer lauter wurde, erweckte alsbald Raphaels Aufmerksamkeit. Nur wenige Minuten später stellte sich heraus, dass es die Schritte eines erhaben dahin schreitenden Ritters in voller Rüstung war. Er schepperte förmlich in seiner prunkvollen Rüstung und Raphael war sich recht sicher, dass diese nur des Protzes wegen getragen wurde. Auf dem Schlachtfeld war die sicher ein wenig zu wuchtig. Aber so richtig kannte er sich da auch nicht aus.
Der Mann vor ihm sah zu der jungen Lady und dann zu Raphael. Er schien zu lächeln, zumindest bewegten sich seine Mundwinkel ein Stück ins obere Drittel und hingen nicht schlaff herab.
„Aha ein Neuer?“ Die brummige Stimme klang sehr beruhigend und freundlich.
Die Drachenreiterin nickte.
„Gut, Leiira. Ich werde ihm alles erklären. Kümmere du dich um deinen Drachen und ruhe dann ein wenig aus. Du hast eine lange Reise hinter dir und den bereicht kannst du auch noch später abliefern. Ausser natürlich, du hast ganz dringende Neuigkeiten.“
„Nein, Sir. Ich habe keinerlei Neuigkeiten, deren Meldung keinen Aufschub dulden könnte. Ich werde sie jetzt alleine lassen.“
Die junge Dame, nun kannte Raphael auch endlich ihren Namen, verneigte sich ein wenig und kehrte dann beiden den Rücken zu. Raphael kam gar nicht dazu ihr hinterher zu schauen, denn der edle Ritter nahm ihn bei der Schulter und führte ihn mit einem sanften Druck weiter zu einem anderen Raum.
Dieser wirkte eher wie ein Arbeitszimmer, geräumig, aber nicht zu gross. Ein Tisch war mit Kartenmaterial belegt, ein anderer glich einem alten Schreibtisch. Ein wenig in der Ecke an einem grossen Fenster stand ein runder, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Dorthin führte ihn der Ritter und wies ihm an sich zu setzen. Raphael kam gern der Einladung nach, denn seine Wunden schmerzten doch noch ein wenig.
„Dir muss dies sicher alles sehr merkwürdig vorkommen, oder?“ Der Ritter setzte sich ihm gegenüber. Komischerweise hatte er kaum Mühe dabei, trotz der unbequem wirkenden Rüstung. Raphael nickte. Es war alles wirklich sehr seltsam hier.
„Eines sei dir gleich gesagt. Dies ist kein Traum. Viele, die das Gleiche erlebt haben wie du, denken so. Aber es ist die Realität.“
Raphael nickte nur verstehend.
„Ich bin übrigens Koras, der Hüter des Drachenbundes und oberster Paladin der Garde des Reiches.“
Raphael kam sich etwas unwohl vor, denn der Herr schien ein sehr hohes Tier zu sein und hatte sich nun auch noch so nett vorgestellt. Da wollte er nicht unhöflich erscheinen und zwang sich ein „Raphael“ heraus. Koras lächelte wohlwollend.
„Sicher hat dir Leiira versucht alles zu erklären, aber sie ist oft etwas ungestüm und erzählt vieles nicht wirklich der Reihenfolge nach. War sicher verwirrend für dich.“
Erneut nickte Raphael. „Sie sagte irgendetwas über zwei Welten und ich sei von der einen in die andere gekommen. Aber wie geht so was? Ist das nicht unmöglich? Ich komme mir vor, als wäre ich im Zeitalter der alten Königreiche.“
Keros nickte. „So erzählten es mir auch schon andere. Du musst wissen, du bist nicht der Einzige, der hier her gekommen ist. Natürlich ist dies immer durch Zufall passiert…aber lass mich doch von vorn beginnen.“
Er räusperte sich kurz und begann dann zu erzählen.
„Diese Welt war einst nur eine einzige, grosse Welt. Es war eine Welt mit Magie und mit Wesen, die du sicher nur aus alten Geschichten kennst. Auch wir kennen sie nicht mehr alle. Dies war das Zeitalter der alten Königreiche. Wie es allerdings nicht zu verhindern war, gab es einige, die mit der Lebensweise nicht einverstanden waren. Sie wollten schnellen Fortschritt und entwickelten mächtige Technik und Waffen. Andere wollten nicht an dem Teil haben und suchten nach einem Weg ihre Ideale beizubehalten.
So spaltete sich die Menschheit in zwei Gruppen, die alte und die neue Ordnung. Die alte Ordnung schaffte es, die Welt in zwei Ebenen zu teilen und sich unterhalb der eigentlichen Welt ein Reich aufzubauen und zu erhalten, in dem weiterhin das Gesetz der Magie und der Natur galt. Die anderen blieben auf ihrem Teil der Welt und entwickelten sich weiter, immer auf Fortschritt bedacht.
Sie lebten sich so weit auseinander, dass bei euch oben nur noch alte Geschichten existieren und bei uns wissen nur die Höchsten und die Gelehrten von eurer Existenz.
Da es aber Verbindungsstellen zwischen beiden Welten gibt, patrouillieren unsere Drachenreiter in diesen Gegenden und sammeln Neuankömmlinge, wie dich, ein. Diese Verbindungsstellen sind im Grunde gut geschützt und schwer zu erreichen, aber hin und wieder passiert doch einer die Punkte. Damit die anderen Bewohner dieser Welt nichts von euch erfahren, werdet ihr sofort zu mir gebracht. Du bist übrigens der Erste seit fünfzig Jahren.“
„Fünfzig Jahre? Wie alt seid ihr, wenn ich fragen darf? Ihr seht gar nicht aus, wie naja, jemand, der schon vor fünfzig Jahren solche Aufgaben hätte meistern können.“
Raphael starrte sein Gegenüber interessiert an. Irgendwie faszinierten ihn diese Geschichte und diese Person vor ihm. Der Ritter lachte.
„Ja, das mag merkwürdig klingen, aber wir Drachenreiter haben einen starken Pakt mit unseren Drachen abgeschlossen. Drachen sind Wesen mit starker Magie und sie haben ein sehr langes Leben. Von diesem langen Leben können wir Drakoniere profitieren. Ich lebe nunmehr schon seit gut dreihundert Jahren. In meiner Amtszeit habe ich bisher drei Menschen von der anderen Welt begrüssen dürfen und mit dir sind es nun vier. Sicher werde ich noch den einen oder anderen miterleben, denn der älteste Drakonier ist fünfhundert geworden.“
„Oh, das ist ja faszinierend“, bemerkte Raphael. „Und was ist mit den anderen passiert? Was wird mit mir passieren?“
Koras rieb sich kurz das Kinn. „Was mit dir passieren wird, ist deine freie Entscheidung. Entweder du bleibst hier in dieser Welt und versucht dir hier ein leben aufzubauen, wie es fast alle anderen vor dir auch getan haben, oder aber du kehrst wieder zurück. Dann allerdings wird dein gesamtes Wissen über diese Welt aus deinen Erinnerungen gelöscht, als wenn es sie nie gegeben hätte. Wir wollen nicht, dass zu viele Menschen von der anderen Welt zu uns kommen.“
„Und was ist, wenn ich mich erst entscheide, hier zu bleiben und dann doch erkenne, dass ich hier nicht hinein passe?“
„Das würde kompliziert werden. Deine Entscheidung, die du einmal treffen wirst, wird für ewig deine Entscheidung bleiben. Man könnte dich auch später wieder zurückschicken, doch wie sehr sich dann die andere Welt schon verändert haben wird, können wir dir nicht sagen und ich denke, du hättest dann sehr grosse Probleme. Soweit ich es erfahren habe, ändert sich in deiner Welt sehr viel und das mit rasender Geschwindigkeit.“
Ein paar Überlegungen in diese Richtung brachten Raphael dazu, dass er dem Ritter durchaus zustimmen musste. Es war wirklich sehr schwer zu sagen, ob ein Jahr später die Grenzen noch so existieren würden, wie sie es gerade taten. Oder vielleicht hatte es die Menschheit dann sogar schon geschafft, diese eine Welt völlig unbewohnbar werden zu lassen.
„Kann ich mich hier etwas umsehen und Eindrücke sammeln, ehe ich mich entscheide?“
„Ja, wir geben denen aus deiner Welt stets einen Monat Zeit. Das muss dann aber genügen. Du kannst dich auch gern mit einigen von ihnen unterhalten, sofern sie noch leben. Zwei von ihnen sind heute selbst Drakoniere und auch noch sehr fähige.“
Auf einem Drachen reiten, ja, das wäre doch auch irgendwie richtig spannend… „Ja, ich werde mir eure Welt ein wenig ansehen und dann spätestens am Ende des Monats meine Entscheidung ihnen mitteilen.“
Der Ritter lächelte. „Gut, dann zeige ich dir, wo du dich für den Monat niederlassen kannst und veranlasse, dass du andere Kleidung bekommst. Deine Wunden müssten nun auch geheilt sein. Komm doch einfach mit mir.“
Als wenn seine Rüstung leicht wie eine Feder sei, stand Koras aus seinem Stuhl auf und ging zur Tür. Flinken Fusses folgte ihm Raphael und wurde dann einige Korridore weit geführt. Seine Wunden waren tatsächlich verheilt, jedenfalls tat ihm nichts mehr weh. Ein gutes Zeichen.
Sein zugewiesenes Zimmer war recht klein, reichte aber auch für eine Person. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett am Fenster waren die einzigen Möbel. Von der Zierde der bisherigen Räume in diesem Gebäude hatte der Raum auch nicht viel abbekommen, aber das störte auch nicht besonders. Für einen Monat liess es sich hier sicher gut schlafen.
„Danke“ Raphael neigte ein wenig sein Haupt vor Koras, um den Dank auch mit einer Gestik zu verdeutlichen und Koras lies ihn dann alleine. „Du weißt, wo du mich findest“, waren seine letzten Worte gewesen.
Auf dem Bett vor ihm lagen Sachen, schön zusammengelegt und Raphael nach sich das oberste Kleidungsstück des Stapels und betrachtete es sich. Ein einfaches Leinenhemd in seiner Grösse, dazu eine einfache Leinenhose, ein paar Lederschuhe und eine Kappe, die er aber nicht anprobierte, da er Hüte hasste. Die Kleidung passte, war zwar nicht gerade die beste Mode, aber auch in seiner eigentlichen Welt hatte er nicht die supergrosse Auswahl gehabt. Ob er sich so einfach mal unters Volk mischen sollte? Es war ja sicher noch Markt draussen.
Immer noch waren viele Menschen auf den Strassen und es ging recht eng zu. Marktschreier brüllten sich die Seele aus dem Leib, um ihre Waren anzupreisen. Dort gab es frisches Obst und Gemüse, wo anders edelsten Schmuck und anderenorts gar feinstes Gewebe in Form von Stoffen und Tüchern. Es schnupperte auch richtig gut und Raphaels Gaumen schien zerfliessen zu wollen. Da fiel ihm ein, dass er Hunger hatte, denn es war schon etwas länger her, dass er gefrühstückt hatte. Gebratenes Hähnchen, leckere Fladen mit irgendeiner Füllung und süsse, kandierte Früchte luden zum Festschmaus ein, doch in seinen Taschen befand sich kein Geld, um etwas kaufen zu können. Er hätte vielleicht Koras wegen einer kleinen Finanzspritze fragen sollen?
Sehnsüchtig starrte er auf ein Schwein am Spiess, von dem schon so manch einer gekostet hatte.
„Na? Auch ein Stück leckeren Schweinebraten?“ Er musste dem Verkäufer dankend absagen. Zu gern hätte er jetzt „Ja“ gesagt und seine Zähne in den saftigen Braten gehauen. Sein Magen rebellierte kleinlaut gegen seine Entscheidung und krampfte sich auch noch schmerzhaft zusammen. Er brauchte was zu essen.
„Ach du bist ja auch hier…“ erschrocken drehte er sich um und erkannte Leiira. Sie trug jetzt keine Rüstung mehr, sondern ein Alltagskleid und ihre langen Haare waren zu einem schönen Zopf gebunden, in dem eine Blume steckte. Sie grinste ihn breit an. „Etwas unters Volk mischen? Nicht? Du musst dich demnächst entscheiden, oder?“
Er nickte. „Ja, in einem Monat ungefähr. Aber jetzt habe ich eigentlich Hunger und ich“, er kam gar nicht mehr weiter im Satz, denn Leiira bestellte kurzerhand zwei Schweinebraten und zwei Krüge Met.
Das hatte er wirklich gebraucht. Nun, mit vollem Magen und ein wenig erheitert durch den Alkohol des Mets, schlenderte er mit Leiira, die sich als wandelnde Stadtkarte prächtig ins Zeug legte, durch die Strassen von Drakora. Sie war doch so viel anders, als seine Version. Er fand sie hier viel schöner und vor allem gemütlicher.
Sollte er wirklich hier bleiben? Sein Leben oben hinter sich lassen und mit seinen jungen Jahren einfach hier noch einmal von vorn beginnen? Würden ihm die Technik und das alles fehlen? Nein, einzig und alleine seine Freunde würde er zurück lassen, doch hatte er das nicht schon mit seinem damaligen Umzug nach Drakora getan gehabt? Er war nun bald Neunzehn Jahre alt und er wollte eigentlich noch das Leben geniessen, ohne ewigen Krieg und das ständige Elend vor seinen Augen. Hier war alles ein Paradies, verglichen mit seiner Welt. Armut existierte hier auch, denn die Bettler waren ihm auch hier aufgefallen, aber die anderen Menschen schienen normal zu leben, ohne grosse Angst den nächsten Morgen nicht mehr erleben zu müssen.
Und doch, er war sich unsicher. Denn irgendwie hatte er etwas aus seinem Leben gemacht gehabt. Er war was geworden und war wichtig gewesen. Ihm hatte das Fliegen Spass bereitet und die Missionen waren der reinste Nervenkitzel gewesen. Er müsste das alles aufgeben und hier wieder von vorn beginnen. Sich wieder stark anstrengen, damit aus ihm nicht solch ein Bettler werden würde.
Diese Gedanken verfolgten ihn noch viele Tage und Nächte lang. Er hatte mit den beiden Drakonieren gesprochen, die einst aus seiner Welt gekommen waren und hier nun ein friedliches Leben führten, hatte Albträume gehabt vom Tod seiner Freunde, weil er nicht da gewesen war und er hatte den Drachen bei ihren Flugübungen mit den neuen Anwärtern zugesehen.
Die Welt hier war faszinierend, doch ihm fehlte auch seine eigentliche Welt.
Die Entscheidung würde schwer fallen.
Und sie rückte immer näher.
Verdammt nahe…
Und ehe er es sich versah, war er da, der Tag der Entscheidung. Er stand vor dem Schreibtisch von Koras. Er spürte die Blicke von ihm, die ihn zu durchdringen schienen. Ob Koras vielleicht Gedanken lesen konnte? Oder vielleicht versuchte er es zumindest?
Raphael atmete tief ein und wieder aus. Die Luft fühlte sich trocken an und sein Hals war wie zugeschnürt.
„Wie hast du dich entschieden, Raphael?“
Diese Worte, die das lang Hinausgezögerte nun erschreckend nahe brachten. Wie sollte er sich nun entscheiden?
Schweiss rann von seiner Stirn und er wischte sie mit seinem Ärmel ab. Noch immer trug er die hier übliche Kleidung und sicher hoffte Koras darauf, dass dies noch ewig so sein würde.
Raphael schluckte, der Kloss in seinem Hals lies nur spärlich Raum für deutliche Worte.
„Ich habe mich entschieden.“
Ein letztes Zögern, doch dann fasste er sich ein Herz, holte abermals tief Luft, ein letztes Mal, denn diesen Schritt musste er gehen.
Seinen letzten Schritt!
Michael Lervin – Philosoph und Hobbygärtner
Lange war es dunkel, dann tauchten Lichtblitze auf, wurden zu Strichen aus gleissendem Licht, die zu kleinen Supernoven explodierten. Begleitet wurde dieses optische Spektakel von höllischen Schmerzen. Sie fühlten sich an, als würden Ratten an jedem Körperteil nagen, besonders am Kopf.
Das Aufstehen war keine Option, denn der Schmerz lähmte die Glieder. So hatte sich wohl keiner den Tod vorgestellt. Ein Leben nach dem Tode war also noch schlimmer als das Leben an sich?
‚Spitze!’ dachte Raphael, der selbst im Tod versuchte jedem Ding einen Sinn zu geben und alles ergründen zu wollen. ‚Selbst nach meinem Leben hab ich so ein Pech. Wo sind denn das prophezeite Paradies, die Engel und das Himmelstor? Alles immer nur Schwachsinn gewesen? Na, so hatte ich mir das auch vorgestellt. Enttäuschend, aber normal.
So ganz in Gedanken versunken bemerkte er überhaupt nicht, dass er die ganze Zeit berührt wurde. Jemand versuchte ihn zu wecken und ganz allmählich drangen Worte an sein Ohr, die er erst ignoriert hatte.
„Na komm schon, steh auf!“
Zu ihm sprach jemand, doch er sah niemanden. Das war nun wirklich merkwürdig. Aber vielleicht lag das auch an dem umstand, dass er noch nicht ganz die Augen geöffnet hatte.
Wieder dieses gleissende Licht, doch dann wurde es matter und er erkannte umrisse von etwas oder jemandem, der sich scheinbar über ihn gebeugt hatte.
Sie wurden klarer, schärfer und bekamen eine Färbung. Aus Schemen wurden deutliche Dinge und diese wiederum erstaunten Raphael. Über ihn beugte sich eine junge Dame mit langem, braunem Haar, deren Spitzen strohblond waren. Ihre Augen glitzerten wie zwei aufwendig geschliffene Saphire und ihr Lächeln war bezaubernd.
„Ah ihr seid doch nicht tot!“ sprach sie erfreut und lächelte noch breiter, als sie es sowieso schon getan hatte.
Raphael verzog die Schnute. Also war er doch noch am Leben. Er sah sich um. Höchst eigenartig war nicht einmal die Tatsache, dass er nach einem höchstwahrscheinlichem Zusammenstoss mit etwas grossem, schweren nicht das Zeitliche gesegnet hatte, sondern dass er jetzt in einem leicht ruinösen sakralen Bauwerk war und Gesellschaft von einer jungen Dame hatte, die zwar sein Geschmack war, aber irgendwie vom Aussehen her eher an einen Ritter, als an jemanden aus seiner Zeit erinnerte. Verwirrt starrte er sie an, ihre Rüstung, die wie blankpoliertes Chrom glänzte, ihre weisse Kleidung, über der sie die Rüstung trug und ihr Schwert, welches an dem Gürtel um ihre Hüfte angebracht war. Sie wirkte wie ein fremdes Wesen aus einem Traum.
„Ich glaube, ich bin doch tot.“ Antwortete er ihr und versuchte sich zu bewegen. Erst jetzt erkannte er einige Verbände an seinen Armen und um seinen Körper herum. Das fremde Fräulein half ihm bei seinen Versuchen und gemeinsam schafften sie es, ihn in eine einigermassen bequeme Sitzposition zu bringen.
„Wenn ihr wirklich tot wäret, würdet ihr nicht mehr hier sitzen und mit mir sprechen. Übrigens, es tut mir furchtbar leid, dass ich sie so überrannt habe.“
Sie hatte ihn überrannt? Das letzte, an was er sich erinnern konnte, war ein riesiges Maul mit spitzen Zähnen und ein Feuerball, der auf ihn zugerast kam. Oder war das nur ein Traum gewesen?
Er kratzte sich am Hinterkopf und kam dabei an eine seiner vielen beulen. „Autsch!“
„Ihre Wunden dürften bald alle verheilt sein. Dria hat ihr bestes gegeben. Ihre Heilkräfte sind nur leider schon recht erschöpft durch unsere lange Reise.“
Sie zeigte beim Namen „Dria“ auf einen zerfallenen Eingang der Kirche, in der sich Raphael befand und was er da erblickte, lies seinen Atem in der Kehle stecken. Er japste nach Luft und stotterte vor sich hin. „Da…da…das….“
Dort am Eingang sass ein gewaltig grosses, geschupptes Ungetüm, rot und mit einem grossen, mit Zähnen bespickten Maul, welches garantiert Feuer spucken konnte. „Das ist das Ding, was mich vom Himmel holen wollte und…“ er sah sich noch mal kurz um, „es wohl auch geschafft hat.“ Er war aufgebracht, erschrocken und fasziniert zugleich. Dieses Wesen und diese Frau waren wie die Figuren in seinen Träumen, wie die Schatten längst vergangener Zeiten. Und doch konnte er die Tatsache nicht ausblenden, dass er eindeutig von diesem Vieh angegriffen worden war und er beinahe den Tod gefunden hatte.
„Dria wollte dir nichts tun. Sie ist noch ein recht unerfahrener Drache, welcher noch etwas gereizt wirkt, wenn ihm plötzlich jemand in die Flugbahn gerät. Ist ja auch nicht gerade höflich gewesen.“
Die junge Frau stand auf und strich sich die Kleidung wieder zu Recht.
„Wo kommst du eigentlich her?“ diese Frage von ihr war eine, die er eher zu Anfang erwartet und auch gefürchtet hatte. Nun traf sie ihn wie ein Speer ins Herz.
„Ehm… Also ich komme aus Drakora und war mit meinem Flugzeug unterwegs, um vermisste …“ Die Frau hob ihre Rechte Hand und wies ihn an zu stoppen.
„Ah Drakora also. Da komme ich auch her. Nur nicht von oben, sondern aus dem Drakora, welches hier ist.“
Nun war Raphael völlig baff. „Es gibt zwei Drakoras?“ Sie nickte stumm. „Wie denn das?“ Hoffentlich erzählte sie ihm noch etwas darüber.
„Nicht alle wissen es. Ich denke ihr oben wisst es überhaupt nicht. Hier erhalten nur die Drakonier, die Paladine des Königreiches Drakora und die Gelehrten von Rhun dieses Wissen. Ich bin übrigens Drakonier, deswegen ist Dria auch mein Drache“, sie räusperte sich kurz. „Jedenfalls ist es so, dass es zwei Welten gibt. Wir müssen davon wissen, denn es gibt Verbindungspunkte zwischen den Welten. Alles, was kein Lebewesen ist, verbleibt in der jeweiligen Welt und für andere sieht es so aus, als wenn dort ein Unfall passiert sei. Logischerweise trifft es da mehr deine Welt, denn sie wurde auf den Pfeilern unseres Reiches gebaut. Hier haben sich diejenigen hingeflüchtet, die die alte Weltordnung bevorzugen und für diejenigen, die ihnen folgen wollen, Portale übrig gelassen. Alle die, die nach Fortschritt strebten blieben in der Welt, wie du sie wohl kennst.“ Sie blickte in ein völlig verdattertes Gesicht, aus dem man förmlich die Anstrengung ablesen konnte, die nötig sein musste, um ihr noch weiterhin folgen zu können.
„Ich glaube es ist besser, wenn du das von unserem Hüter des Drachenbundes erklärt bekommst. Ich bin nicht so gut in so was und ich glaube du verstehst mich kaum, oder?“ Raphael nickte. Er verstand sie tatsächlich kaum. Sie hatte irgendwie was von zwei Drakoras erzählt und von zwei Welten und er war wohl von der einen in die andere gerutscht. Aber wie konnte das möglich sein?
Grosse Wälle aus Stein, weiss wie Marmor und spitz, hohe Türme prägten auch hier das Stadtbild. Dies war ähnlich zu dem, was er schon kannte. Anders war das geschäftige Treiben auf einem wunderschönen Basar, die fröhlichen Menschen, die vielen Arten von Tieren und die saubere Luft, die durch die Strassen flanierte. Dieses Drakora war viel schöner, als die hoch technologisierte Stadt mit Unmengen an Schuttbergen, schmutziger Luft und einer Fauna, die lediglich aus Menschen und Ratten bestand, die er kannte. So lief er hinter seiner neuen Führerin staunend hinterher, lies seine Blicke über die Auslagen der Stände schweifen, blieb hin und wieder stehen und vergass fast, warum er eigentlich hinter der jungen Frau hinterher lief.
Beinahe hätte er sie an einer Weggabelung verloren, war aber doch noch schnell genug gewesen.
Vor einem Haus mit Kuppeldach blieben sie stehen und Dria, der Drache, wurde von der Lady an einem dafür vorgesehenen grossen Eisenring angekettet. Danach betraten sie beide das Gebäude. Eine riesige Vorhalle hiess Gäste willkommen. Überwältigender Stuck zierte die Decke und die Wände, Säulen mit reich verzierten Kapitellen hielten das Dach und bildeten gleichzeitig eine Passage, die zu einem weiteren, noch grösseren Raum führte. Von diesem gingen strahlenförmig mehrere Gänge ab. Sie standen direkt unter der Kuppel und warteten. Wohin wohl die vielen Gänge führen mochten?
Ein leises Klacken, welches immer lauter wurde, erweckte alsbald Raphaels Aufmerksamkeit. Nur wenige Minuten später stellte sich heraus, dass es die Schritte eines erhaben dahin schreitenden Ritters in voller Rüstung war. Er schepperte förmlich in seiner prunkvollen Rüstung und Raphael war sich recht sicher, dass diese nur des Protzes wegen getragen wurde. Auf dem Schlachtfeld war die sicher ein wenig zu wuchtig. Aber so richtig kannte er sich da auch nicht aus.
Der Mann vor ihm sah zu der jungen Lady und dann zu Raphael. Er schien zu lächeln, zumindest bewegten sich seine Mundwinkel ein Stück ins obere Drittel und hingen nicht schlaff herab.
„Aha ein Neuer?“ Die brummige Stimme klang sehr beruhigend und freundlich.
Die Drachenreiterin nickte.
„Gut, Leiira. Ich werde ihm alles erklären. Kümmere du dich um deinen Drachen und ruhe dann ein wenig aus. Du hast eine lange Reise hinter dir und den bereicht kannst du auch noch später abliefern. Ausser natürlich, du hast ganz dringende Neuigkeiten.“
„Nein, Sir. Ich habe keinerlei Neuigkeiten, deren Meldung keinen Aufschub dulden könnte. Ich werde sie jetzt alleine lassen.“
Die junge Dame, nun kannte Raphael auch endlich ihren Namen, verneigte sich ein wenig und kehrte dann beiden den Rücken zu. Raphael kam gar nicht dazu ihr hinterher zu schauen, denn der edle Ritter nahm ihn bei der Schulter und führte ihn mit einem sanften Druck weiter zu einem anderen Raum.
Dieser wirkte eher wie ein Arbeitszimmer, geräumig, aber nicht zu gross. Ein Tisch war mit Kartenmaterial belegt, ein anderer glich einem alten Schreibtisch. Ein wenig in der Ecke an einem grossen Fenster stand ein runder, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Dorthin führte ihn der Ritter und wies ihm an sich zu setzen. Raphael kam gern der Einladung nach, denn seine Wunden schmerzten doch noch ein wenig.
„Dir muss dies sicher alles sehr merkwürdig vorkommen, oder?“ Der Ritter setzte sich ihm gegenüber. Komischerweise hatte er kaum Mühe dabei, trotz der unbequem wirkenden Rüstung. Raphael nickte. Es war alles wirklich sehr seltsam hier.
„Eines sei dir gleich gesagt. Dies ist kein Traum. Viele, die das Gleiche erlebt haben wie du, denken so. Aber es ist die Realität.“
Raphael nickte nur verstehend.
„Ich bin übrigens Koras, der Hüter des Drachenbundes und oberster Paladin der Garde des Reiches.“
Raphael kam sich etwas unwohl vor, denn der Herr schien ein sehr hohes Tier zu sein und hatte sich nun auch noch so nett vorgestellt. Da wollte er nicht unhöflich erscheinen und zwang sich ein „Raphael“ heraus. Koras lächelte wohlwollend.
„Sicher hat dir Leiira versucht alles zu erklären, aber sie ist oft etwas ungestüm und erzählt vieles nicht wirklich der Reihenfolge nach. War sicher verwirrend für dich.“
Erneut nickte Raphael. „Sie sagte irgendetwas über zwei Welten und ich sei von der einen in die andere gekommen. Aber wie geht so was? Ist das nicht unmöglich? Ich komme mir vor, als wäre ich im Zeitalter der alten Königreiche.“
Keros nickte. „So erzählten es mir auch schon andere. Du musst wissen, du bist nicht der Einzige, der hier her gekommen ist. Natürlich ist dies immer durch Zufall passiert…aber lass mich doch von vorn beginnen.“
Er räusperte sich kurz und begann dann zu erzählen.
„Diese Welt war einst nur eine einzige, grosse Welt. Es war eine Welt mit Magie und mit Wesen, die du sicher nur aus alten Geschichten kennst. Auch wir kennen sie nicht mehr alle. Dies war das Zeitalter der alten Königreiche. Wie es allerdings nicht zu verhindern war, gab es einige, die mit der Lebensweise nicht einverstanden waren. Sie wollten schnellen Fortschritt und entwickelten mächtige Technik und Waffen. Andere wollten nicht an dem Teil haben und suchten nach einem Weg ihre Ideale beizubehalten.
So spaltete sich die Menschheit in zwei Gruppen, die alte und die neue Ordnung. Die alte Ordnung schaffte es, die Welt in zwei Ebenen zu teilen und sich unterhalb der eigentlichen Welt ein Reich aufzubauen und zu erhalten, in dem weiterhin das Gesetz der Magie und der Natur galt. Die anderen blieben auf ihrem Teil der Welt und entwickelten sich weiter, immer auf Fortschritt bedacht.
Sie lebten sich so weit auseinander, dass bei euch oben nur noch alte Geschichten existieren und bei uns wissen nur die Höchsten und die Gelehrten von eurer Existenz.
Da es aber Verbindungsstellen zwischen beiden Welten gibt, patrouillieren unsere Drachenreiter in diesen Gegenden und sammeln Neuankömmlinge, wie dich, ein. Diese Verbindungsstellen sind im Grunde gut geschützt und schwer zu erreichen, aber hin und wieder passiert doch einer die Punkte. Damit die anderen Bewohner dieser Welt nichts von euch erfahren, werdet ihr sofort zu mir gebracht. Du bist übrigens der Erste seit fünfzig Jahren.“
„Fünfzig Jahre? Wie alt seid ihr, wenn ich fragen darf? Ihr seht gar nicht aus, wie naja, jemand, der schon vor fünfzig Jahren solche Aufgaben hätte meistern können.“
Raphael starrte sein Gegenüber interessiert an. Irgendwie faszinierten ihn diese Geschichte und diese Person vor ihm. Der Ritter lachte.
„Ja, das mag merkwürdig klingen, aber wir Drachenreiter haben einen starken Pakt mit unseren Drachen abgeschlossen. Drachen sind Wesen mit starker Magie und sie haben ein sehr langes Leben. Von diesem langen Leben können wir Drakoniere profitieren. Ich lebe nunmehr schon seit gut dreihundert Jahren. In meiner Amtszeit habe ich bisher drei Menschen von der anderen Welt begrüssen dürfen und mit dir sind es nun vier. Sicher werde ich noch den einen oder anderen miterleben, denn der älteste Drakonier ist fünfhundert geworden.“
„Oh, das ist ja faszinierend“, bemerkte Raphael. „Und was ist mit den anderen passiert? Was wird mit mir passieren?“
Koras rieb sich kurz das Kinn. „Was mit dir passieren wird, ist deine freie Entscheidung. Entweder du bleibst hier in dieser Welt und versucht dir hier ein leben aufzubauen, wie es fast alle anderen vor dir auch getan haben, oder aber du kehrst wieder zurück. Dann allerdings wird dein gesamtes Wissen über diese Welt aus deinen Erinnerungen gelöscht, als wenn es sie nie gegeben hätte. Wir wollen nicht, dass zu viele Menschen von der anderen Welt zu uns kommen.“
„Und was ist, wenn ich mich erst entscheide, hier zu bleiben und dann doch erkenne, dass ich hier nicht hinein passe?“
„Das würde kompliziert werden. Deine Entscheidung, die du einmal treffen wirst, wird für ewig deine Entscheidung bleiben. Man könnte dich auch später wieder zurückschicken, doch wie sehr sich dann die andere Welt schon verändert haben wird, können wir dir nicht sagen und ich denke, du hättest dann sehr grosse Probleme. Soweit ich es erfahren habe, ändert sich in deiner Welt sehr viel und das mit rasender Geschwindigkeit.“
Ein paar Überlegungen in diese Richtung brachten Raphael dazu, dass er dem Ritter durchaus zustimmen musste. Es war wirklich sehr schwer zu sagen, ob ein Jahr später die Grenzen noch so existieren würden, wie sie es gerade taten. Oder vielleicht hatte es die Menschheit dann sogar schon geschafft, diese eine Welt völlig unbewohnbar werden zu lassen.
„Kann ich mich hier etwas umsehen und Eindrücke sammeln, ehe ich mich entscheide?“
„Ja, wir geben denen aus deiner Welt stets einen Monat Zeit. Das muss dann aber genügen. Du kannst dich auch gern mit einigen von ihnen unterhalten, sofern sie noch leben. Zwei von ihnen sind heute selbst Drakoniere und auch noch sehr fähige.“
Auf einem Drachen reiten, ja, das wäre doch auch irgendwie richtig spannend… „Ja, ich werde mir eure Welt ein wenig ansehen und dann spätestens am Ende des Monats meine Entscheidung ihnen mitteilen.“
Der Ritter lächelte. „Gut, dann zeige ich dir, wo du dich für den Monat niederlassen kannst und veranlasse, dass du andere Kleidung bekommst. Deine Wunden müssten nun auch geheilt sein. Komm doch einfach mit mir.“
Als wenn seine Rüstung leicht wie eine Feder sei, stand Koras aus seinem Stuhl auf und ging zur Tür. Flinken Fusses folgte ihm Raphael und wurde dann einige Korridore weit geführt. Seine Wunden waren tatsächlich verheilt, jedenfalls tat ihm nichts mehr weh. Ein gutes Zeichen.
Sein zugewiesenes Zimmer war recht klein, reichte aber auch für eine Person. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett am Fenster waren die einzigen Möbel. Von der Zierde der bisherigen Räume in diesem Gebäude hatte der Raum auch nicht viel abbekommen, aber das störte auch nicht besonders. Für einen Monat liess es sich hier sicher gut schlafen.
„Danke“ Raphael neigte ein wenig sein Haupt vor Koras, um den Dank auch mit einer Gestik zu verdeutlichen und Koras lies ihn dann alleine. „Du weißt, wo du mich findest“, waren seine letzten Worte gewesen.
Auf dem Bett vor ihm lagen Sachen, schön zusammengelegt und Raphael nach sich das oberste Kleidungsstück des Stapels und betrachtete es sich. Ein einfaches Leinenhemd in seiner Grösse, dazu eine einfache Leinenhose, ein paar Lederschuhe und eine Kappe, die er aber nicht anprobierte, da er Hüte hasste. Die Kleidung passte, war zwar nicht gerade die beste Mode, aber auch in seiner eigentlichen Welt hatte er nicht die supergrosse Auswahl gehabt. Ob er sich so einfach mal unters Volk mischen sollte? Es war ja sicher noch Markt draussen.
Immer noch waren viele Menschen auf den Strassen und es ging recht eng zu. Marktschreier brüllten sich die Seele aus dem Leib, um ihre Waren anzupreisen. Dort gab es frisches Obst und Gemüse, wo anders edelsten Schmuck und anderenorts gar feinstes Gewebe in Form von Stoffen und Tüchern. Es schnupperte auch richtig gut und Raphaels Gaumen schien zerfliessen zu wollen. Da fiel ihm ein, dass er Hunger hatte, denn es war schon etwas länger her, dass er gefrühstückt hatte. Gebratenes Hähnchen, leckere Fladen mit irgendeiner Füllung und süsse, kandierte Früchte luden zum Festschmaus ein, doch in seinen Taschen befand sich kein Geld, um etwas kaufen zu können. Er hätte vielleicht Koras wegen einer kleinen Finanzspritze fragen sollen?
Sehnsüchtig starrte er auf ein Schwein am Spiess, von dem schon so manch einer gekostet hatte.
„Na? Auch ein Stück leckeren Schweinebraten?“ Er musste dem Verkäufer dankend absagen. Zu gern hätte er jetzt „Ja“ gesagt und seine Zähne in den saftigen Braten gehauen. Sein Magen rebellierte kleinlaut gegen seine Entscheidung und krampfte sich auch noch schmerzhaft zusammen. Er brauchte was zu essen.
„Ach du bist ja auch hier…“ erschrocken drehte er sich um und erkannte Leiira. Sie trug jetzt keine Rüstung mehr, sondern ein Alltagskleid und ihre langen Haare waren zu einem schönen Zopf gebunden, in dem eine Blume steckte. Sie grinste ihn breit an. „Etwas unters Volk mischen? Nicht? Du musst dich demnächst entscheiden, oder?“
Er nickte. „Ja, in einem Monat ungefähr. Aber jetzt habe ich eigentlich Hunger und ich“, er kam gar nicht mehr weiter im Satz, denn Leiira bestellte kurzerhand zwei Schweinebraten und zwei Krüge Met.
Das hatte er wirklich gebraucht. Nun, mit vollem Magen und ein wenig erheitert durch den Alkohol des Mets, schlenderte er mit Leiira, die sich als wandelnde Stadtkarte prächtig ins Zeug legte, durch die Strassen von Drakora. Sie war doch so viel anders, als seine Version. Er fand sie hier viel schöner und vor allem gemütlicher.
Sollte er wirklich hier bleiben? Sein Leben oben hinter sich lassen und mit seinen jungen Jahren einfach hier noch einmal von vorn beginnen? Würden ihm die Technik und das alles fehlen? Nein, einzig und alleine seine Freunde würde er zurück lassen, doch hatte er das nicht schon mit seinem damaligen Umzug nach Drakora getan gehabt? Er war nun bald Neunzehn Jahre alt und er wollte eigentlich noch das Leben geniessen, ohne ewigen Krieg und das ständige Elend vor seinen Augen. Hier war alles ein Paradies, verglichen mit seiner Welt. Armut existierte hier auch, denn die Bettler waren ihm auch hier aufgefallen, aber die anderen Menschen schienen normal zu leben, ohne grosse Angst den nächsten Morgen nicht mehr erleben zu müssen.
Und doch, er war sich unsicher. Denn irgendwie hatte er etwas aus seinem Leben gemacht gehabt. Er war was geworden und war wichtig gewesen. Ihm hatte das Fliegen Spass bereitet und die Missionen waren der reinste Nervenkitzel gewesen. Er müsste das alles aufgeben und hier wieder von vorn beginnen. Sich wieder stark anstrengen, damit aus ihm nicht solch ein Bettler werden würde.
Diese Gedanken verfolgten ihn noch viele Tage und Nächte lang. Er hatte mit den beiden Drakonieren gesprochen, die einst aus seiner Welt gekommen waren und hier nun ein friedliches Leben führten, hatte Albträume gehabt vom Tod seiner Freunde, weil er nicht da gewesen war und er hatte den Drachen bei ihren Flugübungen mit den neuen Anwärtern zugesehen.
Die Welt hier war faszinierend, doch ihm fehlte auch seine eigentliche Welt.
Die Entscheidung würde schwer fallen.
Und sie rückte immer näher.
Verdammt nahe…
Und ehe er es sich versah, war er da, der Tag der Entscheidung. Er stand vor dem Schreibtisch von Koras. Er spürte die Blicke von ihm, die ihn zu durchdringen schienen. Ob Koras vielleicht Gedanken lesen konnte? Oder vielleicht versuchte er es zumindest?
Raphael atmete tief ein und wieder aus. Die Luft fühlte sich trocken an und sein Hals war wie zugeschnürt.
„Wie hast du dich entschieden, Raphael?“
Diese Worte, die das lang Hinausgezögerte nun erschreckend nahe brachten. Wie sollte er sich nun entscheiden?
Schweiss rann von seiner Stirn und er wischte sie mit seinem Ärmel ab. Noch immer trug er die hier übliche Kleidung und sicher hoffte Koras darauf, dass dies noch ewig so sein würde.
Raphael schluckte, der Kloss in seinem Hals lies nur spärlich Raum für deutliche Worte.
„Ich habe mich entschieden.“
Ein letztes Zögern, doch dann fasste er sich ein Herz, holte abermals tief Luft, ein letztes Mal, denn diesen Schritt musste er gehen.
Seinen letzten Schritt!
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