Sonntag, 28. Juni 2009
Der Drachenbund
Diese Geschichte ist meinem Freund Roger Meier gewidmet, der Drachen wahnsinnig gern hat und dem ich hiermit danken möchte für all die schönen Stunden zusammen, die hoffentlich nicht so schnell vergehen mögen.

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Kapitel 1 – Der Sturm

Viele Lieder ranken sich um Drachen und ihre sagenhafte Gestalt, doch sind dies eben alles nur Lieder von vergangenen Zeiten, von Reichen mit edlen Rittern und Königen, denen ihr Volk noch wichtig gewesen war. Doch nun ist das alles nichtig. An diese Königreiche erinnern nur noch ein paar Steinbrocken, nicht einmal mehr Ruinen zeugen von diesen prächtigen Zeitaltern.
Uns bleiben nur noch die Lieder und einige Bilder, die aber auch mit der Zeit verblassen.
Eines dieser Kunstwerke habe ich mir als Poster an die Wand genagelt. Es zeigt einen Schwarzen Drachen, auf dem ein mächtiger und edler Ritter mit hoch erhobener Lanze reitet. Ein Meer aus Wolken haben sie hinter sich gelassen, Drache und Reiter und eine brennende Festung. Ob so wohl früher die Schlachten ausgesehen haben?

In der heutigen Zeit fliegen Monster an uns vorbei, mit denen sich die einstigen Riesen wohl kaum messen können. Riesige Schlachtschiffe, die den Himmel verdunkeln können und von denen einige sogar in der Lage sind, ganze Landstriche mit einem Schlag auszulöschen. Wir Menschen sind nur noch Marionetten einer vom Militär beherrschten Welt. Krieg ist das, was den Ländern Frieden bringt. Zwar wird dadurch viel zerstört, aber zwei verfeindete Nationen kämpfen dann nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander. Wirklich lange hält ein Frieden ohnehin nicht an.
Wir Kinder werden dabei übrigens nicht vergessen. Ganz im Gegenteil, denn wir sind die Zukunft. Wir sollen später einmal diese Schlachtschiffe fliegen und damit die Errungenschaften der älteren Generation ehren und ihre Taten fortführen. Dafür sind wir geboren und dafür sterben wir. In der Zeit zwischen Geburt und Tod werden wir gedrillt und mit Propaganda zugemüllt. Es wäre schön für sein Vaterland zu sterben. Wundervoll sei die Zeit nach dem Krieg, wenn die eigene Macht eine Grossmacht geworden ist. Niemand spricht von den Opfern, dem Leid auf der Welt, den Hunger und die Seuchen, welche viele Gebiete in ihre herzlose Umarmung geschlossen haben. Niemand …

Dies waren oft die Gedanken von Raphael, wenn er erneut von der Schule nach Hause ging. Ein Zuhause, welches eher einem Schutthaufen glich, als einem Haus. Er war hier nicht geboren worden, war erst seit zwei Jahren hier her gekommen. Seine neue Familie bestand aus anderen Kindern, die wie er hier her gekommen waren. Sie hatten nicht woran sie wirklich festhalten konnten, ausser ihrem wenigen hab und Gut, dass sie aus den Trümmern ihrer einstigen Familienhäusern hatten retten können. Ihre Eltern waren schon längst getötet, verschollen oder auf ewig in einem der Schlachtschiffe gefangen, denn sie mussten dem Vaterland dienen. Niemand kümmerte sich goss um sie, lediglich Nahrung, Kleidung und eine Schulbildung war ihnen nicht vergönnt. Schliesslich sollten auch diese Kinder einmal fähige Soldaten werden. Überall roch es nach Rauch, Benzin und Abfall. Hier und da hatte ein Hund hingepisst und ein Alki seinen Mageninhalt ausgeschüttet. Keine schöne Gegend, aber immer noch besser, als am Kanal zu leben. Hier wohnten die gut situierten Waisenkinder von Reglon, der schwarzen Stadt. Hier war man noch wer. Unten am Kanal aber, da war nur noch der soziale Dreck vorhanden. Menschen mit Behinderungen, die für den Krieg nicht einmal als Kanonenfutter dienen konnten und Kinder, die die Schule dauernd schwänzten. Dort gab es keine Ärzte, keine Essensrationen und kein sauberes Wasser. Im Kanal schwammen die Industrieabfälle von Jahrhunderten und machten die Menschen dort nur noch kränker.
Raphael hatte es sich auch schon oft überlegt, einfach alles hinzuschmeissen, dem System einfach zu entfliehen. Allerdings wusste er um die Gefahr, die dann auf ihn lauern würde. System oder Kanal, die einzige wirkliche Entscheidung, die man der Bevölkerung noch gelassen hatte.
Raphael blieb vor einem Haus stehen, dessen Dach nicht mehr existent war und von dem auch die Wand zur Küche fehlte. Hier hatte es in der Nähe einmal Bomben geregnet und da kam es schon einmal vor, dass einige Teile der Häuser nicht mehr in den Himmel ragten, sondern als Schutt den Boden zierten. Man hatte einfach die Küche verlegt, aus drei Zimmern eben zwei gemacht und alles war besser. Der Junge, der einst im dritten Zimmer geschlafen hatte, teilte sich nun eins mit Raphael, denn er hatte eines gehabt, welches für die Verhältnisse dieser Zeit recht gross gewesen war. Wer hätte ahnen können, dass daraus danach so ein kleines Loch wurde? Der Mitbewohner, Luis, ehemals aus Dhramia, einem Provinznest ungefähr 10.000 Kilometer landeinwärts war stinkend faul und zudem noch ein Chaot sondergleichen. Er konnte aus sagenhafter Ordnung innerhalb einem Bruchteil einer Sekunde ein Chaos wachsen lassen, welches ungeahnte Dimensionen annehmen konnte. So kam es, dass Raphael gerade mal sein Bett und seine Wand, an der das Bett stand, für sich hatte und der Rest stets Luis gehörte.
Auch heute musste er über alte stinkige Socken springen, aufpassen, dass er nicht in einem Rollerblade stecken blieb – die Gefahr des Wegrollens war wenigstens nicht vorhanden, denn der Rollerblade war von herumliegenden Büchern eingekeilt – und sich dann wieder einmal fragen musste, wohin er denn sein Schulzeug verstauen sollte. Sein Schreibtisch jedenfalls war voll mit alten Tellern und Essensresten, die ebenfalls Luis zu verantworten hatte.
Seufzend machte Raphael kehrt und stürzte beinahe über eine Dinosaurierfigur, konnte sich aber noch beherrschen und sprang beherzt zur Tür. Ein Bein wollte er sich eigentlich jetzt nicht auch noch brechen.
„LUIS! VERDAMMT!“ fluchte Raphael so laut, dass er fürchten musste, das obere Stockwerk, welches nun als Dach diente, würde herunter stürzen. Zu seinem Glück rieselte ihm nur etwas Putz auf die Nase.
Luis war natürlich nicht da, wie immer, und deswegen antwortete keiner seinem anfänglichen Wutausbruch. Dies führte dazu, dass er sich wieder beruhigte. Was nützte einem der beste Wutanfall etwas, wenn keiner da war, der diesem lauschen konnte?
Mürrisch ging er in die Küche, schnappte sich den letzten Apfel aus der Stiege Obst, die sie einmal in der Woche geliefert bekamen und biss hinein. Solch ein frischer Geschmack im Mund, der süss und saftig zugleich war, konnte wirklich beruhigend und entspannend wirken. Für einen Moment schienen alle Sorgen vergessen.
„Hey, Raphael … schon vergessen? Du musst heute noch zur Musterung!“ Tia stand in der Eingangstür mit ihrem Blick auf die Uhr fixiert. Es war bald ein Uhr und Raphael war gestern erst fünfzehn Jahre alt geworden. Ein Wochenanfang bedeutete für alle frischen Fünfzehnjährigen einen neuen Schritt in ihrem Leben, einen gravierenden. Sie wurden gemustert, und zwar zwei Uhr, jeden Montag. Manchmal kam keiner, manchmal nur einer und dann wieder gab es Tage, da meldeten sich mehr als zehn Jungs zu der Musterung. Sie war wichtig, denn hier wurde entschieden, ob man eine Karriere als Soldat vor sich hatte, oder ob man andere Aufgaben für die Armee und sein Vaterland erledigen konnte. Schlimm war es, wenn man nicht hin ging, oder gar ausgemustert wurde. Dann rief der Kanal nach einem.
Schnell griff sich Raphael seine Jacke, biss nochmals in den Apfel. Die Wirkung der Frische war verflogen und einer Art Panik gewichen. Ob er es in einer Stunde bis zu dem Platz schaffen würde?
„Tia, danke! Darf ich mir…“
„Klar, Raphi, du darfst. Der steht draussen an der Laterne. Aber fahr vorsichtig und bring ihn wieder heil mit. Weißt ja, wie teuer die Dinger sind.“
Raphael gab ihr kurz noch einen kleinen Schmatzer auf die Wange, ehe er das Haus verliess, zur nächsten Laterne – die einzige in dieser Strasse – rannte, dort den abgestellten Roller schnappte und losdüste. Der Roller war etwas aufgemotzt, denn Tia hatte sich eine kleine Werkstatt zu Eigen gemacht und reparierte dort nebenbei allerlei Technischen kram, am liebsten natürlich Roller, die Hauptverkehrsmittel der einfachen Bürger dieser Stadt. So schaffte er mehr als 120 Sachen und Raphael freute sich, dass die Häuser nur so an ihm vorbei rasten. Wenn jetzt keine Streife des Militärs kam, war er gerettet. Aber eine gute Ausrede hatte er notfalls dabei.

„Rrrrrrrrraphael Wirden?“ eine schrille Stimme, die das R in jedem Namen bewusst betonte, fegte über den Platz. Alles, was aus Glas war, schien dabei zerspringen zu wollen und Raphaels Trommelfell musste sich gerade entscheiden, ob es zur Sorte „Glas“ oder „menschliches Gewebe“ zählen wollte.
„Ja, ich bin hier!“ nuschelte er. Ein Stück Apfel hatte sich zwischen seinen beiden oberen Schneidezähnen verfangen und nervte ihn tierisch. So fummelte er mit seiner Zunge zwischen den Zähnen herum und versuchte gleichzeitig zu antworten.
„Rrrreden sie gefälligst deutlich mit mirr!“
„Aber klar doch!“ ah endlich war er draussen, doch irgendwie hatte er das Gefühl, als habe er etwas vergessen.
„Ah..äh SIR!“
Ein Gelächter der anderen drei Jungs, die gekommen waren, liess sich nun nicht mehr vermeiden und Raphael sah sich noch mal genauer seinen Prüfer an.
„Oh verd…! Ich meinte, Madam!“
Die Frau vor ihm, gekleidet in eine schwarze Lederuniform mit Abzeichen an der Brust, die sich dort schon häuften, blickte ihn grimmig an. Er war sich sicher, dass sie ihn jetzt schon auf dem Kieker hatte und er dies wohl noch bereuen würde.
„Gut, fangen wir an!“ teilte sie allen Anwesenden mit. „Ich werde ihre Tauglichkeit prüfen und sie anhören, wie ihre Zukunftspläne aussehen. Ich sage es gleich zu Beginn, wer nicht dienen will, kann sofort gehen. Allerdings denke ich, ihnen sind die Konsequenzen bekannt.“
Keiner rührte sich. Das war schliesslich auch verständlich, denn wer wollte schon im Bereich des Kanals sein Dasein fristen? Nur Idioten würden das freiwillig dem Dienst vorziehen.
„Ein jeder, der genommen wird, bekommt die Grundausbildung und wenn er diese abgeschlossen hat, kann er sich spezialisieren. Besonders beliebt sind derzeit Posten wie Pilot, Kanonier oder Mechaniker. Allerdings kann nicht jeder solch einen Posten ergattern. Es kommt ganz auf ihre Leistungen an. Und nun folgen sie mir!“
Es ging runter von dem Platz in eine kleine Baracke, die kleine Zentrale des Militärs am Rande der Stadt. Hier wurden nur Jungs gemustert, die aus den Slums kamen, die nicht aus reichem Elternhaus stammten oder eben wie Raphael Waise waren. Ein kleiner Raum mit fünfzehn Stühlen war ein Warteraum. Jeder von ihnen sollte sich setzen und warten, bis sie einzeln aufgerufen wurden. Eine Befragung an sich würde fünfzehn Minuten dauern, die Untersuchung eine halbe Stunde und das Endgespräch dann noch einmal bis zu fünfzehn Minuten. Wer Glück hatte, konnte diese Baracke also in weniger als einer Stunde verlassen. Allerdings hatte Raphael auch schon andere Geschichten gehört, von Leuten, bei denen das Endgespräch ewig dauerte und die dann wohl auch an vorderster Front kämpfen mussten, ohne Chance auf einen Aufstieg.
Während sie warteten, unterhielten sich zwei andere Jungs, einer von ihnen stellte sich als Toin vor, der andere blieb namenlos. Toin hatte die Meinung vertreten, dass man als Pilot die besten Aufstiegschancen hatte. Erst Pilot, dann Captain und das Highlight war dann Admiral. Der andere allerdings meinte, dass man als Kanonier viel besser dastehen würde. Man würde befördert nach getroffenen Zielen. Holte man also ein paar Schiffe runter, dann war man schneller Admiral, als man „HIER“ schreien konnte. Raphael und noch ein wartender hielten sich da raus. Es ging sie nichts an, noch schienen sie sich für diese Diskussion zu begeistern. Raphael war der Ansicht, dass alle die gleichen Chancen hatten zu sterben, sei es nun ein hoher Admiral auf seinem Flaggschiff, oder ein dahergelaufener Soldat. Lediglich der Sold war ungleich verteilt und damit die Lebensstandards. Ihm war es gleich, was er werden würde. Hauptsache er kam nicht zum Ka…
„Als erster Toin Simmers!“ Na dann, Herr Pilot. Mal sehen, mit welchem Gesicht du dann am Ende der Musterung dastehen wirst. Raphael grinste etwas bei seinem Gedanken an das traurige Gesicht dieses Toins, der vielleicht nicht das Zeug als Pilot hatte, schon alleine wegen seiner Brille. Piloten brauchten das beste Augenlicht.
Eine viertel Stunde langweilten sich die anderen nun, ehe der nächste und dann wieder der nächste aufgerufen wurde. Raphael war der letzte und streckte sich etwas, da vom Rumsitzen seine Knochen eingerostet waren.
Die Musterung an sich verlief bei ihm fast reibungslos. Als Prüfer hatte er doch nicht die Frau von vorhin, sondern einen netten Herrn, dem er nun erzählte, dass er so gar keine Vorstellung hatte von seiner Zukunft und irgendwas machen würde. Der Prüfer nickte nur verständnisvoll und dann war auch schon die Gesundheitsprüfung dran. Nichts mit dem herz, nichts mit der Lunge und die Augen waren auch in Ordnung. Normalgewichtig war er ebenfalls und Rückenprobleme oder andere Behinderungen würden auch nicht in seiner Akte austauchen. Er war also wirklich für alles geeignet. Folgte nun nur noch das Endgespräch für den Abschluss und den Entscheid, was er später einmal für eine Position im Militär haben würde.
Ihm gegenüber sass nun wieder der freundliche Herr vom Vorgespräch und teilte ihm mit, dass alles in Ordnung sei und er sich nun entscheiden müsse. Seine Schulnoten würden ausserdem für eine schöne Karriere ausreichen, schliesslich zierten Bestnoten sein Zeugnis und das schon seit Jahren.
„Ich weiss nicht, was ich machen möchte. Ich habe es ihnen doch schon gesagt. Ich habe keinen Plan.“
„Wieso willst du denn nicht Pilot werden? Dir würden gute Aufstiegschancen geboten und du kannst die Schiffe der Flotte steuern.“
Raphael sah den Herrn unschlüssig an. Klar, als Pilot war man sicherlich gut beschäftigt und sah immer mal was Neues von der Welt, schliesslich blieb man nie an einem Fleck. Nur irgendwie war man auch nicht frei. Man hatte immer dieses riesige Schiff unterm Arsch und musste es navigieren.
„Naja, ehrlich gesagt möchte ich irgendwie etwas ungebundener sein. Gibt es da was?“
Der Herr nickte und schlug ein Buch auf, blätterte kurz darin herum und schob es dann zu Raphael. Sein Blick fiel nun auf ein Bild von einem Piloten neben einem kleinen Schiff, welches gerade mal Platz für eine Person, Motor und Tank vorzuweisen hatte. Eine Waffe war noch an dem Flügel montiert. SPÄHER, so lautete die Überschrift und der kleine Text unter dem bild gab eine sehr schwammige Beschreibung dieser Position wieder.
„Mhh ein Späher also? Hier steht, dass man als Spion und Kundschafter unterwegs ist, stets Abenteuer auf einen warten und man das flinkste Schiff der Flotte steuern kann? Diesen Job will doch sicher jeder machen, oder?“
Der Soldat, etwas dicklich und mit grauem, schütterem Haar verneinte sofort, indem er dezent mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, durchaus nicht. Wir haben sogar Personalmangel. Diese Aufgabe hat wenig Aufstiegschancen, wird zwar gut bezahlt, aber ein guter Späher bleibt ein guter Späher. Ein schlechter wird abgeschossen oder landet in Gefangenschaft und ich denke nicht, dass ich ihnen sagen muss, was mit Gefangenen beim Fein geschieht.“
Nein, über Folter und alle anderen Massnahmen gegen Gefangene musste er nun wirklich nicht berichten, denn das hatten sie jeden Tag in der Schule gehört gehabt. Späher, irgendwie klang das nicht schlecht. Wenn er gut war, würde er gut leben können und wenn er schlecht war, dann würde er eben dem Tod „Hallo“ sagen.
„Ja, ich denke, das wäre eine interessante Aufgabe für mich“, meinte er zu seinem gegenüber und dieser schnappte sich ein Formular und einen Stift und lies Raphael dann alles ausfüllen und unterzeichnen.

Drei Jahre später, Raphael hatte seinen Pilotenschein gemacht und die Grundausbildung, sowie die Spezialisierung zum Späher hinter sich gebracht, war es dann so weit, dass er endlich in seine Maschine steigen konnte und seine Aufgabe erfüllen konnte. Er war ein klein wenig stolz auf das, was er geschafft hatte. Schliesslich hatte er sich ein wenig Freiheit zurück geholt. Frei wie ein Vogel konnte er nun durch die Lüfte brausen und sogar über fremde Grenzen fliegen. Er musste nur aufpassen, dass ihn die Feinde nicht erwischen würden. Sicher kein Kinderspiel.
Sein Zimmer musste er nun auch nicht mehr mit Luis teilen. Der hatte sich gefreut, als Raphael ihm mitgeteilt hatte, dass nun das Zimmer ihm alleine gehören würde. Raphaels neue Heimat war die Kaserne von Drakora, die älteste Stadt der ganzen Welt. Sie war auf den Überresten einer Stadt gebaut worden, die noch die alten Zeitalter miterlebt haben musste. Grosse Wehrmauern zeugten von grossen Schlachten und ihre Grundrisse waren als Vorbild für noch stärkere Wälle aus Stahl und Beton genommen worden. Ganz Drakora glich in Bau und Nutzen einer der antiken Städte. Sie war wehrhaft, die Häuser waren erdbebensicher gebaut und auch Bomben konnten ihnen nur leichten Schaden zufügen. Ein Generator, den man bei einer Ausgrabung gefunden hatte, spendete Strom für die Stadt und ein Schutzschild, welches die ganze Stadt umgab. Nur ein Tor war Ein- und Ausgang zugleich.
Beim Umzug hatte er sein Poster mitgenommen und ein paar andere, eigene Dinge, die ihn an die Vergangenheit erinnerten. Das Poster hatte er einst von seinem Vater bekommen gehabt, sein ganz persönlicher Schatz. Die Mutter hatte er überhaupt nicht gekannt. Sie war kurz nach seiner Geburt verschleppt worden und war nie wieder aufgetaucht. Sein Vater, ehemals ein Admiral der Marine, war bei einem dummen Unfall ums Leben gekommen. Er war ein lieber Vater gewesen, aber ein Torpedo, der im Schiff explodierte, löschte dessen Leben aus. Das Poster war das einzige materielle Stück, was er von seinem Vater noch besass, denn der Ruf und der Rang gingen nie automatisch auf den Sohn über. Nicht in solchen Zeiten, in denen jeder ersetzbar war.
Drakora lag ein kleines Stück hinter ihm, jetzt, da er in seiner „Mücke“ sass. Diesen Spitznamen hatten seine Kameraden von der Pilotenausbildung seinem Schiff gegeben. Im Vergleich zu den riesigen Kreuzern, die sonst den Himmel dominierten, war es aber auch nichts weiter, als eine kleine Mücke, die lediglich mit ihren Waffen etwas sticheln konnte. Allerdings war sie flink und wendig und das kostete Raphael gern aus. Loopings und andere Arten von kuriosen Drehungen waren seine bevorzugten Flugmanöver und er hatte mit einigen halsbrecherischen Varianten so manchem Fluglehrer das letzte Bier in die Hose befördert.
Frei, er war frei. Seine neue Mission war das Auskundschaften der nördlichen Flugrouten. Dort sollten in letzter Zeit Schiffe verloren gegangen sein und er sollte es nachprüfen. Beim ersten Anzeichen von Gefahr sollte er sich zurück ziehen und Meldung machen. Klang einfach und war es sicher auch. Die nördlichen Routen kreuzten kein Feingebiet.
Zwei Stunden vergingen ruhig und Raphael musste sich zusammenreissen, denn beim Geradeausfliegen war die grösste Gefahr, dass es zu monoton wurde und man einfach einschlief. So wünschte sich jetzt auch Rafael ein paar Streichhölzer für die Augen und gähnte beherzt.
„Uuaaahh…“ er streckte sich, das Schiff flog im Autopilot.
„Mensch ist das langweilig. Ich hätte doch das andere Angebot annehmen sollen. In Firora hätte ich sicher mehr zu tun gehabt. Das liegt immerhin mitten im Feindesland, bei diesen dummen Sonnenanbetern.
Die Menschen der südlichen Region um Firora herum, einer Stadt in einer sehr kargen Wüste, nannte man auch Sonnenanbeter, da sie Sonne gewohnt waren und ihren Gott einen Sonnengott nannten. Kamen sie in kühle Gefilde, wie zum Beispiel nach Drakora, dann froren sie ziemlich schnell und bekamen diverse Krankheiten. Deswegen hatten sie diesen Beinamen.
„Ich penn gleich…“
Zum Fortführen dieses Satzes, der ohnehin nicht gerade wichtig war, kam er nicht mehr, denn sein Steuer wurde plötzlich herumgerissen. Er wunderte sich ganz kurz, schnappte sich aber dann das Steuer und versuchte es wieder in die richtige Position zu bringen. Im Moment trudelte sein Schiff um die eigene horizontale Achse und verlor an Höhe. Das durfte nicht sein und dass das Steuer nicht zu bewegen war, erst recht nicht.
„Was ist hier los?“ Viele Situationen waren sie in den Flugstunden durchgegangen, von kleineren Notsituationen über blockierte Steuer, defekte Antriebe und schlimmeren Dingen, wie Feuer an Bord und er hatte stets die Nase vorn gehabt in den Simulationen. Die Ausbilder hatten gemeint, er würde ein prächtiger Späher werden und jetzt bekam er dieses verdammte Ding von Steuer nicht in seine Gewalt.
Draussen war es dunkel, dicke Wolken hatten sich um ihn gezogen und kleine Blitze zuckten hin und wieder durch die künstliche Nacht. Es herrschte da draussen ein Sturm, doch Sturm war er gewöhnt. Dichte Wolken machten ihm keine Angst, Blitze ebenfalls nicht.
Ein Schatten, draussen, über ihm, allerdings schon. War das ein feindliches Schiff? Hatten sie seine Ruder blockieren können. Konnte er deswegen nicht mehr steuern?
Allerdings war er nicht getroffen worden, die Anzeigen waren alle im grünen Bereich. Kein auslaufender Treibstoff, kein defektes Triebwerk, nicht, was irgendwie auf dieses blöde blockierte Steuer hinwies. Lediglich die Höhenanzeige schob langsam Panik und ging von Grün auf Orange über und der Zeiger bewegte sich mehr und mehr zum Rot hin.
„ARGH“ Noch einmal, mit kräftigem Ruck, riss er das Steuer herum. Er hörte einen grellen Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren liess und dann etwas knirschen, sich verbiegen. Sein Steuer ging wieder zu bewegen, auch wenn es sich nun steuern lies, als wenn er betrunken war. Das sich verformende Geräusch von eben war sicher das Ruder gewesen, doch der Schrei?
Wieder war draussen ein Schatten, dann ein Feuerball, gefolgt von Rauchschwaden.
Raphael riss entsetzt das Steuer hoch. Etwas schoss auf ihn, aber mit Sicherheit kein Schiff. Kein Schiff, absolut keines konnte Feuerbälle schiessen. Sein Manöver war nun ein Looping. Er wollte sehen, was ihn da treffen wollte. Er wollte hinter dieses Ding kommen.
Ein erneuter Ball aus Feuer streifte ihn nur leicht und erleichtert lies er den angehaltenen Atem aus seiner Lunge entweichen. Das war um Haaresbreite gewesen. Links, Recht, hoch und runter, dauernd musste er ausweichen. Ein Schiff hätte nachladen müssen, doch das hier waren zu schnelle Abfolgen. Die Munition schien nie zu versiegen. Und dann plötzlich starrte er in ein schwarzes Loch, umringt von Zähnen. Feuer kam daraus hervor und hüllte ihn erst in einen roten Schein, ehe Dunkelheit ihn umhüllte.

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