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Sonntag, 16. August 2009
Stillschweigen - Kapitel 1
Ein ohrenbetäubender Lärm weckte Maria aus ihrem traumlosen Schlaf. Laute Stimmen am Morgen, sowie zerspringendes Porzellan oder Glas waren leider keine Seltenheit. Sie hasste es. Ihre Nachbarn hatten jeden Morgen Ehekrach und das zerrte an den Nerven. Sie waren schon jetzt, nach geschlagenen zwei Minuten so stark gespannt, dass man einen tödlichen Pfeil damit abfeuern könnte.
"Bin ich froh, wenn ich endlich umziehen kann." Sie schnappte sich ihre Sachen, verschwand ins Bad und zog sich um. Das Gepolter wollte heute wieder kein Ende nehmen und so schnappte sie sich die Zeitung aus dem Briefkasten und ging zum nächsten Bäcker. Ein frisch gebackenes Brötchen und einen wohltuenden schwarzen Tee später sass sie im Park und las die Zeitung.
Viele Artikel waren mal wieder völlig sinnlos, Morde in Amerika, die so was von uninteressant waren, Fussballergebnisse, ein Bericht über einen bekannten Tennisspieler. Sie hatte die Zeitung fast wieder zuklappen und weglegen wollen, als ihr Blick auf eine ganz winzige Nachricht fiel.

Störung im Studio, Planetopia gestern ausgefallen

Gestern Abend sollte bei Planetopia ein Bericht über Vampirismus und mystische Vorkommen in Deutschland ausgestrahlt werden. Viele Zuschauer sassen allerdings vor einer schwarzen Röhre, nachdem der Moderator die Ansage getätigt hatte. Das Team von Planetopia entschuldigt sich vielmals, aber ein Systemfehler in unserem System sorgte für einen erheblichen Stromausfall, den wir selbst nach mehreren Stunden nicht beheben konnten. Doch nächste Woche wird Planetopia wieder wie gewohnt ausgestrahlt, wieder mit ihrem beliebten Moderator…

Sie schlug die Zeitung nun endgültig zu. "Ein Stromausfall also, mysteriös…" Ein Lächeln huschte über ihre Lippen und sie lehnte sich zurück. "Schade, sie haben nicht gesagt, dass sie den Bericht wiederholen werden. Ob ich dort nach Mainz mal hinschreiben soll?" Sie überlegte laut und flüsterte ihre Worte in den Himmel hinaus, den schönen blauen, warmen Himmel mit den wenigen Schäfchenwolken, die wie Zuckerwatte dort oben schwebten.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen, während sie die Wolken beobachtete. Ihre Aufregung von heute Morgen hatte sich wieder gelegt und sie war völlig ruhig geworden. Der Gedanke an den Umzug, der nächste Woche anstehen würde, hatte sie ebenfalls aufgemuntert. Weg von diesen schrecklichen Nachbarn in eine grössere, geräumigere Wohnung ohne Lärm.
Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste. Sie hatte heute noch einen Termin bei ihrem Verlag. In Frankfurt waren viele Verlage ansässig, was ganz praktisch war, doch war es auch eine lärmende und hektische Stadt. Sie hasste solche Grossstädte. Ehemals war sie vom Land gekommen und Beruf und der Rest des Lebens hatte sie hier her getrieben. Nun war sie freier in ihren Entscheidungen und würde ihr Leben in Eigenregie führen, weg von Frankfurt, weg von dieser Hektik.

Das Treffen in den Räumen des Verlags war wie jedes andere auch. Die Chefredaktion und der Verlagsleiter sassen alle beisammen an einem grossen Konferenztisch. Auf eine Leinwand wurde das Bild eines Projektors projiziert. Es waren hauptsächlich Skizzen aus ihrer eigenen Feder, inklusive einiger Korrekturwünsche des Verlages und der Autorin. Die einen sollten vielleicht düsterer gehalten sein, bei manchen stimmte das Aussehen des Charakters noch nicht ganz. Skizzen wurden nie genau so genommen, wie sie von ihr angedacht waren und das war auch gut so. Die Malerei, die Gestaltung war ein immerwährender Prozess bisher und so sollte es auch bleiben. Perfekte Skizzen gab es nicht und auch fertige Arbeiten konnten immer noch Verbesserungen vertragen. Maria war nie richtig zufrieden mit einem so genannten Endergebnis, immer wieder fielen ihr Details auf, die sie noch einmal umdenken liessen. Aber Abgabeschluss war eben immer auch der nötige Schnitt in ihre Verbesserungswut. Solange die Kunden zufrieden waren, war sie es auch.
"Ich denke, wir sollten hier vielleicht keine Engelsflügel machen, sondern Dämonenflügel." Maria dachte über die Worte des Verlegers nach. "Aber ist das nicht der Erzengel? Ich denke Dämonenflügel machen ihn zu dämonisch." Der Chefredakteur hatte gute Argumente. Sie grinste. "Und wenn ich die weissen Flügel schwarz und blutig mache? Wie würde Ihnen das gefallen?" Die beiden Herren sahen sie verblüfft an. "Eine fantastische Idee!" Mal wieder waren sich beide einig. Prima.
"Gut, dann werde ich die Änderungen vornehmen und Ihnen dann erste Farbentwürfe der Illustrationen Ende der Woche zukommen lassen. Ich werde übrigens umziehen, wie sie schon wissen sollten."
Die beiden Herren nickten. "Wir wünschen ihnen viel Erfolg in der neuen Umgebung. Hamburg ist völlig anders, als Frankfurt. Ziehen sie direkt in die Stadt?"
Sie schüttelte mit dem Kopf. "Nein, ich ziehe auf einen Bauernhof, etwas abseits von Hamburg. Aber Hamburg wird die nächste grössere Stadt sein. Ich mag diese Stadtatmosphäre nicht so sonderlich."
«Dann viel Spass beim Umzug und wir freuen uns auf die Entwürfe. Wir hören voneinander.»
Das Meeting war vorbei und die Schüssel mit gebratenen Nudeln nach Art des Hauses standen vor ihrer Nase. Sie liebte den Chinesen um die Ecke, Tao Lang. Er machte ihrer Meinung nach das beste chinesische Essen in ganz Frankfurt. Ob sie solch einen guten Koch dann auch in Hamburg finden würde, war fragwürdig, aber sie hoffte es. Heute würde sie noch packen müssen. Morgen kam schon die Spedition, die all ihre Sachen abholen würde. Der Umzug sollte schnell von Statten gehen. Ihre Wohnung dort war schon bezugsfertig, die meisten Möbel waren neu gekauft. Viel Platz bot das neue Heim, denn ein Bauernhof war umgebaut worden und die hübsche neue Loft durfte sie bald ihr Eigen nennen.
Freudestrahlend marschierte sie nach Hause und begann dort ihre Sachen in grosse Kartons zu verstauen. Einige der gepackten Kisten standen schon herum und versperrten hin und wieder den Weg. Morgen war der Tag gekommen.

Langsam öffnete er seine Augen und sah um sich. Er fühlte sich lasch, ohne Leben, ausgehungert. Sein Körper bewegte sich kaum und nur mit grosser Anstrengung schaffte er es, sich genauer umzusehen und auf die Seite zu rollen. Er war in einem Bett und in einem grossen Zimmer. Schwere Vorhänge am Fenster verdeckten die Sicht nach draussen und verdunkelten das Zimmer. Der Einrichtungsstil schien viktorianischen Ursprungs zu sein, aber war ebenfalls recht dunkel gehalten. Neben ihm sass jemand, ein Mann.
"Ah du bist von den Toten wieder auferstanden." Die ruhige, raumfüllende Stimme kannte er schon. Dieser Typ aus dem Fernsehstudio, dieser Samuel hatte so gesprochen.
"Samuel?" Nur ein Flüstern entwich seiner Kehle. Sie war staubtrocken dürstete nach etwas, was er nicht verstand.
"Ja, du hast richtig geraten. Ich bin es, Samuel. Willkommen in meinem kleinen Reich."
"Was ist passiert?" Nun schaffte er es, sich doch aufzusetzen und sah seinen Gesprächspartner fragend an. Dieser lächelte und das Lächeln veranlasste Michael zu einem instinktiven Sprung nach hinten. Mit einem dumpfen Aufprall landete er auf dem Boden, rappelte sich wieder auf und sah entsetzt zu Samuel herüber. "Was zur.."
Samuels Mundwinkel waren mit grossen Eckzähnen gefüllt, die wie Dolche gegen dessen Lippe drückten. Sie waren strahlend weiss und schienen Michael förmlich anzugrinsen. Als konnten sie es nicht erwarten, sich in seinen Nacken zu bohren.
"Ach diese Kleinigkeit." Samuel wirkte völlig gelassen. "Das sind unsere Zähne, mein Lieber. Ich hoffe, du reagierst nun nicht immer so, wenn du dich selbst im Spiegel betrachtest."
Michael verstand nicht. "Was?"
"Naja, wie soll ich es sagen… Willkommen im Club. Du bist nun einer von uns, ein Vampir."
Ein dumpfes Lachen ging durch den Raum, es war Michaels Kehle entwichen. "Ja klar. Und als nächstes soll ich wohl Blut trinken?"
"Bingo. Der Kanditat hat 100 Punkte. Meins sollst du trinken. Schliesslich müssen wir noch einen Blutsbund schliessen."
Stumm und mit völlig ausdruckslosem Gesicht betrachtete Michael, wie Samuel sich ein Glas vom Nachtischschrank nahm und dann in die Vene unterhalb seines Handgelenks biss. Blut sprudelte heraus und ergoss sich in dem Glas. Als es voll war, hatte sich die Wunde auch wieder verschlossen. Zumindest tropfte kein weiteres Blut auf den Boden, oder auf das bett, als Samuel aufstand, zu ihm kam, sich auf das bett setzte und ihm das Glas reichte.
"Bitte sehr, wohl bekommts."
Der abwartende Blick machte Michael rasend. Er wusste nicht, was er zuerst tun sollte. Innerlich spürte er mehrere Ichs und jeder wollte etwas anderes. Einer wollte sich sofort umbringen, ein anderer hatte Angst, dass dies sein Tod sei, wieder einer wollte panisch davonrennen, während noch einer zum Angriff rief. Und dann war da etwas mächtiges, ein Ich, was er noch nie gespürt hatte, noch nie zuvor. Es leckte sich die Lippen, es liess den Speichel von den Zähnen tropfen und es starrte begierig, lüsternd auf das Glas in Samuels Hand. TRINK, TRINK, rief es andauernd und es wurde lauter und lauter, je länger der Duft des frischen Blutes seine Nase kitzelte. Doch noch sträubte er sich dagegen.
"Das ist doch krank!" Es folgte keine Reaktion seines Gegenübers. "Ihr seid irre…"
Ein Kopfschütteln folgte. "Ich bin kein Malkavianer, nein. Es ist mein völliger Ernst, alles hier."
Wieder herrschte bedrückende Stille und das Blut schrie nach ihm.
"Ich soll also ein Vampir sein? Wenn ja, warum und wie?" Sollte der andere doch einmal weiter herumspinnen. Vielleicht wurde ihm dann ein wenig klarer.
"Nun, ich habe dich zu dem gemacht. Du hast schon etwas meines Blutes erhalten, damit du gewandelt werden konntest. Ich habe dir dein Leben genommen und ein völlig neues, viel besseres gegeben. Warum? Nun, ganz einfach. Du wusstest zu viel, aber es wäre auch schade drum gewesen, dich einfach so zu töten. Wir haben dich ausserdem schon länger beobachtet und die Zeit war ohnehin reif. Schliesslich sollte man eine Erlaubnis des Prinzen nicht verfallen lassen."
Er musste diese Worte erst einmal verarbeiten. Also entweder war dieser Typ wirklich extrem geistesgestört, oder aber er hatte Recht und es war ein Albtraum, aus dem er nicht mehr so einfach aufwachen würde. Wenn doch nur nicht dieses Glas mit dem roten Lebenssaft so verführerisch wäre.
"Willst du nun trinken?"
Das leichte Schwenken des Glases reichte aus, um nun endgültig den Hebel bei Michael umzulegen. Wie von Gier gepackt, riss er das Glas aus Samuels Hand und trank es mit einem Zug aus. Er spürte in sich eine Kraft, Macht strömte durch seine Adern und sein Körper schien wie aus einem Koma zu erwachen. Und doch, er fühlte, wie ein Teil seiner Freiheit wich. Samuel schien plötzlich so vertraut und mächtig. Als wäre er derjenige, der ihm alles offenbaren konnte.
"Der erste Schritt zum Blutsbund ist damit besiegelt."
Michael stellte das Glas auf den Nachttischschrank in seiner Nähe. "Was ist ein Blutsbund?"
Samuel stand auf und lief ein wenig durchs Zimmer mit den Armen auf dem Rücken verschränkt.
"Der Blutsbund ist etwas, was bei uns Tremeren zur Pflicht gehört. Jeder andere Vampir kann zwar auch einen eingehen, doch sie sind nicht dazu gezwungen. Dadurch, dass du mein Blut getrunken hast, hast du dich an mich gebunden. Du wirst mir loyal dienen."
Das stiess bitter auf. "Ich euch dienen? Na toll. Und wieso Pflicht? Was bitte sind Tremere?"
Da dies etwas länger dauern konnte, setzte sich Samuel wieder.
"Tremere, so heisst unser Vampirclan. Es gibt einige mehr, als nur die Tremere. Dazu gehören die Ventrue, die sich selbst als Herrscher der Welt sehen und als krönenden Abschluss der Camarilla, dann die Malkavianer, die naja, einen Sprung in der Schüssel haben, die Bruhja, die lieber mit dem Kopf durch die Wand wollen, die Gangrel, die wie wilde Bestien hausen, die Nosferatu, die dann auch noch so aussehen, wie Bestien, die Toreador, die einen wahren Kunsttick haben und schlussendlich wir, die Tremere, die Wissen und Magie ineinander vereinen. Dies alles sind Clans der Camarilla, aber es gibt durchaus mehr. Der Sabbat hat so seine widerlichen Clans, wie die Tsimisce und dann sind da noch die Sektenlosen Clans. Sie gehören weder der Camarilla, noch dem Sabbat an. Das Schlusslicht bilden die Caitiff, Geschöpfe, die weder Mentor, noch Wissen über ihre eigene Art haben und sich wie Wilde zusammenrotten. Ihr Blut ist entweder schwach, oder ihr Geist vermag die Widergeburt nicht zu verstehen. Doch du gehörst zu uns. Dein Blut ist nicht schwach und deinen Geist werde ich zu schulen wissen. Du wirst Dinge kennen lernen, die dir bisher nicht einmal im Traum geschehen sind."
Er machte eine kurze Pause, ehe er weiter in seinem Text fortfuhr. "Jeder Clan hat einen besonderen Fluch und bei jedem ist er anders. Für unsere dunklen Gaben und unsere neuen Kräfte haben wir jeder in irgendeiner Weise einen Preis zu zahlen. Jedes unserer Kinder wird durch einen Blutsbund an seinen Erschaffer gebunden. Die anderen Flüche der anderen Clans kannst du dir ins Gedächtnis rufen, wenn du das eben Gesagte noch einmal wiederholst. Ich denke nicht, dass ich noch deutlicher darüber werden muss. Alles andere wirst du im Laufe deines untoten Daseins von mir lernen. Aber nun genug der Worte, du brauchst noch Kraft. Ich schicke dir jemanden herein. Töte sie nicht, sie ist eine Blutwirtin. Sie wird also dich trinken lassen, ohne dass sie dir unnötige Fragen stellt. Danach komme einfach die Treppe herunter. Dann können wir mit deiner ersten Lektion beginnen. Dem Treffen mit dem Prinzen."
Mit diesen Worten war Samuel in der Tür verschwunden und hinterliess Michael leicht verwirrt. Zu viele Informationen an einem Tag, eindeutig.

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