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Sonntag, 28. Juni 2009
Drachenbund - Kapitel 2 – Entscheidungen
i.a.grafix, 22:47h
„Wage etwas und du wirst die Saat dafür ernten.“
Michael Lervin – Philosoph und Hobbygärtner
Lange war es dunkel, dann tauchten Lichtblitze auf, wurden zu Strichen aus gleissendem Licht, die zu kleinen Supernoven explodierten. Begleitet wurde dieses optische Spektakel von höllischen Schmerzen. Sie fühlten sich an, als würden Ratten an jedem Körperteil nagen, besonders am Kopf.
Das Aufstehen war keine Option, denn der Schmerz lähmte die Glieder. So hatte sich wohl keiner den Tod vorgestellt. Ein Leben nach dem Tode war also noch schlimmer als das Leben an sich?
‚Spitze!’ dachte Raphael, der selbst im Tod versuchte jedem Ding einen Sinn zu geben und alles ergründen zu wollen. ‚Selbst nach meinem Leben hab ich so ein Pech. Wo sind denn das prophezeite Paradies, die Engel und das Himmelstor? Alles immer nur Schwachsinn gewesen? Na, so hatte ich mir das auch vorgestellt. Enttäuschend, aber normal.
So ganz in Gedanken versunken bemerkte er überhaupt nicht, dass er die ganze Zeit berührt wurde. Jemand versuchte ihn zu wecken und ganz allmählich drangen Worte an sein Ohr, die er erst ignoriert hatte.
„Na komm schon, steh auf!“
Zu ihm sprach jemand, doch er sah niemanden. Das war nun wirklich merkwürdig. Aber vielleicht lag das auch an dem umstand, dass er noch nicht ganz die Augen geöffnet hatte.
Wieder dieses gleissende Licht, doch dann wurde es matter und er erkannte umrisse von etwas oder jemandem, der sich scheinbar über ihn gebeugt hatte.
Sie wurden klarer, schärfer und bekamen eine Färbung. Aus Schemen wurden deutliche Dinge und diese wiederum erstaunten Raphael. Über ihn beugte sich eine junge Dame mit langem, braunem Haar, deren Spitzen strohblond waren. Ihre Augen glitzerten wie zwei aufwendig geschliffene Saphire und ihr Lächeln war bezaubernd.
„Ah ihr seid doch nicht tot!“ sprach sie erfreut und lächelte noch breiter, als sie es sowieso schon getan hatte.
Raphael verzog die Schnute. Also war er doch noch am Leben. Er sah sich um. Höchst eigenartig war nicht einmal die Tatsache, dass er nach einem höchstwahrscheinlichem Zusammenstoss mit etwas grossem, schweren nicht das Zeitliche gesegnet hatte, sondern dass er jetzt in einem leicht ruinösen sakralen Bauwerk war und Gesellschaft von einer jungen Dame hatte, die zwar sein Geschmack war, aber irgendwie vom Aussehen her eher an einen Ritter, als an jemanden aus seiner Zeit erinnerte. Verwirrt starrte er sie an, ihre Rüstung, die wie blankpoliertes Chrom glänzte, ihre weisse Kleidung, über der sie die Rüstung trug und ihr Schwert, welches an dem Gürtel um ihre Hüfte angebracht war. Sie wirkte wie ein fremdes Wesen aus einem Traum.
„Ich glaube, ich bin doch tot.“ Antwortete er ihr und versuchte sich zu bewegen. Erst jetzt erkannte er einige Verbände an seinen Armen und um seinen Körper herum. Das fremde Fräulein half ihm bei seinen Versuchen und gemeinsam schafften sie es, ihn in eine einigermassen bequeme Sitzposition zu bringen.
„Wenn ihr wirklich tot wäret, würdet ihr nicht mehr hier sitzen und mit mir sprechen. Übrigens, es tut mir furchtbar leid, dass ich sie so überrannt habe.“
Sie hatte ihn überrannt? Das letzte, an was er sich erinnern konnte, war ein riesiges Maul mit spitzen Zähnen und ein Feuerball, der auf ihn zugerast kam. Oder war das nur ein Traum gewesen?
Er kratzte sich am Hinterkopf und kam dabei an eine seiner vielen beulen. „Autsch!“
„Ihre Wunden dürften bald alle verheilt sein. Dria hat ihr bestes gegeben. Ihre Heilkräfte sind nur leider schon recht erschöpft durch unsere lange Reise.“
Sie zeigte beim Namen „Dria“ auf einen zerfallenen Eingang der Kirche, in der sich Raphael befand und was er da erblickte, lies seinen Atem in der Kehle stecken. Er japste nach Luft und stotterte vor sich hin. „Da…da…das….“
Dort am Eingang sass ein gewaltig grosses, geschupptes Ungetüm, rot und mit einem grossen, mit Zähnen bespickten Maul, welches garantiert Feuer spucken konnte. „Das ist das Ding, was mich vom Himmel holen wollte und…“ er sah sich noch mal kurz um, „es wohl auch geschafft hat.“ Er war aufgebracht, erschrocken und fasziniert zugleich. Dieses Wesen und diese Frau waren wie die Figuren in seinen Träumen, wie die Schatten längst vergangener Zeiten. Und doch konnte er die Tatsache nicht ausblenden, dass er eindeutig von diesem Vieh angegriffen worden war und er beinahe den Tod gefunden hatte.
„Dria wollte dir nichts tun. Sie ist noch ein recht unerfahrener Drache, welcher noch etwas gereizt wirkt, wenn ihm plötzlich jemand in die Flugbahn gerät. Ist ja auch nicht gerade höflich gewesen.“
Die junge Frau stand auf und strich sich die Kleidung wieder zu Recht.
„Wo kommst du eigentlich her?“ diese Frage von ihr war eine, die er eher zu Anfang erwartet und auch gefürchtet hatte. Nun traf sie ihn wie ein Speer ins Herz.
„Ehm… Also ich komme aus Drakora und war mit meinem Flugzeug unterwegs, um vermisste …“ Die Frau hob ihre Rechte Hand und wies ihn an zu stoppen.
„Ah Drakora also. Da komme ich auch her. Nur nicht von oben, sondern aus dem Drakora, welches hier ist.“
Nun war Raphael völlig baff. „Es gibt zwei Drakoras?“ Sie nickte stumm. „Wie denn das?“ Hoffentlich erzählte sie ihm noch etwas darüber.
„Nicht alle wissen es. Ich denke ihr oben wisst es überhaupt nicht. Hier erhalten nur die Drakonier, die Paladine des Königreiches Drakora und die Gelehrten von Rhun dieses Wissen. Ich bin übrigens Drakonier, deswegen ist Dria auch mein Drache“, sie räusperte sich kurz. „Jedenfalls ist es so, dass es zwei Welten gibt. Wir müssen davon wissen, denn es gibt Verbindungspunkte zwischen den Welten. Alles, was kein Lebewesen ist, verbleibt in der jeweiligen Welt und für andere sieht es so aus, als wenn dort ein Unfall passiert sei. Logischerweise trifft es da mehr deine Welt, denn sie wurde auf den Pfeilern unseres Reiches gebaut. Hier haben sich diejenigen hingeflüchtet, die die alte Weltordnung bevorzugen und für diejenigen, die ihnen folgen wollen, Portale übrig gelassen. Alle die, die nach Fortschritt strebten blieben in der Welt, wie du sie wohl kennst.“ Sie blickte in ein völlig verdattertes Gesicht, aus dem man förmlich die Anstrengung ablesen konnte, die nötig sein musste, um ihr noch weiterhin folgen zu können.
„Ich glaube es ist besser, wenn du das von unserem Hüter des Drachenbundes erklärt bekommst. Ich bin nicht so gut in so was und ich glaube du verstehst mich kaum, oder?“ Raphael nickte. Er verstand sie tatsächlich kaum. Sie hatte irgendwie was von zwei Drakoras erzählt und von zwei Welten und er war wohl von der einen in die andere gerutscht. Aber wie konnte das möglich sein?
Grosse Wälle aus Stein, weiss wie Marmor und spitz, hohe Türme prägten auch hier das Stadtbild. Dies war ähnlich zu dem, was er schon kannte. Anders war das geschäftige Treiben auf einem wunderschönen Basar, die fröhlichen Menschen, die vielen Arten von Tieren und die saubere Luft, die durch die Strassen flanierte. Dieses Drakora war viel schöner, als die hoch technologisierte Stadt mit Unmengen an Schuttbergen, schmutziger Luft und einer Fauna, die lediglich aus Menschen und Ratten bestand, die er kannte. So lief er hinter seiner neuen Führerin staunend hinterher, lies seine Blicke über die Auslagen der Stände schweifen, blieb hin und wieder stehen und vergass fast, warum er eigentlich hinter der jungen Frau hinterher lief.
Beinahe hätte er sie an einer Weggabelung verloren, war aber doch noch schnell genug gewesen.
Vor einem Haus mit Kuppeldach blieben sie stehen und Dria, der Drache, wurde von der Lady an einem dafür vorgesehenen grossen Eisenring angekettet. Danach betraten sie beide das Gebäude. Eine riesige Vorhalle hiess Gäste willkommen. Überwältigender Stuck zierte die Decke und die Wände, Säulen mit reich verzierten Kapitellen hielten das Dach und bildeten gleichzeitig eine Passage, die zu einem weiteren, noch grösseren Raum führte. Von diesem gingen strahlenförmig mehrere Gänge ab. Sie standen direkt unter der Kuppel und warteten. Wohin wohl die vielen Gänge führen mochten?
Ein leises Klacken, welches immer lauter wurde, erweckte alsbald Raphaels Aufmerksamkeit. Nur wenige Minuten später stellte sich heraus, dass es die Schritte eines erhaben dahin schreitenden Ritters in voller Rüstung war. Er schepperte förmlich in seiner prunkvollen Rüstung und Raphael war sich recht sicher, dass diese nur des Protzes wegen getragen wurde. Auf dem Schlachtfeld war die sicher ein wenig zu wuchtig. Aber so richtig kannte er sich da auch nicht aus.
Der Mann vor ihm sah zu der jungen Lady und dann zu Raphael. Er schien zu lächeln, zumindest bewegten sich seine Mundwinkel ein Stück ins obere Drittel und hingen nicht schlaff herab.
„Aha ein Neuer?“ Die brummige Stimme klang sehr beruhigend und freundlich.
Die Drachenreiterin nickte.
„Gut, Leiira. Ich werde ihm alles erklären. Kümmere du dich um deinen Drachen und ruhe dann ein wenig aus. Du hast eine lange Reise hinter dir und den bereicht kannst du auch noch später abliefern. Ausser natürlich, du hast ganz dringende Neuigkeiten.“
„Nein, Sir. Ich habe keinerlei Neuigkeiten, deren Meldung keinen Aufschub dulden könnte. Ich werde sie jetzt alleine lassen.“
Die junge Dame, nun kannte Raphael auch endlich ihren Namen, verneigte sich ein wenig und kehrte dann beiden den Rücken zu. Raphael kam gar nicht dazu ihr hinterher zu schauen, denn der edle Ritter nahm ihn bei der Schulter und führte ihn mit einem sanften Druck weiter zu einem anderen Raum.
Dieser wirkte eher wie ein Arbeitszimmer, geräumig, aber nicht zu gross. Ein Tisch war mit Kartenmaterial belegt, ein anderer glich einem alten Schreibtisch. Ein wenig in der Ecke an einem grossen Fenster stand ein runder, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Dorthin führte ihn der Ritter und wies ihm an sich zu setzen. Raphael kam gern der Einladung nach, denn seine Wunden schmerzten doch noch ein wenig.
„Dir muss dies sicher alles sehr merkwürdig vorkommen, oder?“ Der Ritter setzte sich ihm gegenüber. Komischerweise hatte er kaum Mühe dabei, trotz der unbequem wirkenden Rüstung. Raphael nickte. Es war alles wirklich sehr seltsam hier.
„Eines sei dir gleich gesagt. Dies ist kein Traum. Viele, die das Gleiche erlebt haben wie du, denken so. Aber es ist die Realität.“
Raphael nickte nur verstehend.
„Ich bin übrigens Koras, der Hüter des Drachenbundes und oberster Paladin der Garde des Reiches.“
Raphael kam sich etwas unwohl vor, denn der Herr schien ein sehr hohes Tier zu sein und hatte sich nun auch noch so nett vorgestellt. Da wollte er nicht unhöflich erscheinen und zwang sich ein „Raphael“ heraus. Koras lächelte wohlwollend.
„Sicher hat dir Leiira versucht alles zu erklären, aber sie ist oft etwas ungestüm und erzählt vieles nicht wirklich der Reihenfolge nach. War sicher verwirrend für dich.“
Erneut nickte Raphael. „Sie sagte irgendetwas über zwei Welten und ich sei von der einen in die andere gekommen. Aber wie geht so was? Ist das nicht unmöglich? Ich komme mir vor, als wäre ich im Zeitalter der alten Königreiche.“
Keros nickte. „So erzählten es mir auch schon andere. Du musst wissen, du bist nicht der Einzige, der hier her gekommen ist. Natürlich ist dies immer durch Zufall passiert…aber lass mich doch von vorn beginnen.“
Er räusperte sich kurz und begann dann zu erzählen.
„Diese Welt war einst nur eine einzige, grosse Welt. Es war eine Welt mit Magie und mit Wesen, die du sicher nur aus alten Geschichten kennst. Auch wir kennen sie nicht mehr alle. Dies war das Zeitalter der alten Königreiche. Wie es allerdings nicht zu verhindern war, gab es einige, die mit der Lebensweise nicht einverstanden waren. Sie wollten schnellen Fortschritt und entwickelten mächtige Technik und Waffen. Andere wollten nicht an dem Teil haben und suchten nach einem Weg ihre Ideale beizubehalten.
So spaltete sich die Menschheit in zwei Gruppen, die alte und die neue Ordnung. Die alte Ordnung schaffte es, die Welt in zwei Ebenen zu teilen und sich unterhalb der eigentlichen Welt ein Reich aufzubauen und zu erhalten, in dem weiterhin das Gesetz der Magie und der Natur galt. Die anderen blieben auf ihrem Teil der Welt und entwickelten sich weiter, immer auf Fortschritt bedacht.
Sie lebten sich so weit auseinander, dass bei euch oben nur noch alte Geschichten existieren und bei uns wissen nur die Höchsten und die Gelehrten von eurer Existenz.
Da es aber Verbindungsstellen zwischen beiden Welten gibt, patrouillieren unsere Drachenreiter in diesen Gegenden und sammeln Neuankömmlinge, wie dich, ein. Diese Verbindungsstellen sind im Grunde gut geschützt und schwer zu erreichen, aber hin und wieder passiert doch einer die Punkte. Damit die anderen Bewohner dieser Welt nichts von euch erfahren, werdet ihr sofort zu mir gebracht. Du bist übrigens der Erste seit fünfzig Jahren.“
„Fünfzig Jahre? Wie alt seid ihr, wenn ich fragen darf? Ihr seht gar nicht aus, wie naja, jemand, der schon vor fünfzig Jahren solche Aufgaben hätte meistern können.“
Raphael starrte sein Gegenüber interessiert an. Irgendwie faszinierten ihn diese Geschichte und diese Person vor ihm. Der Ritter lachte.
„Ja, das mag merkwürdig klingen, aber wir Drachenreiter haben einen starken Pakt mit unseren Drachen abgeschlossen. Drachen sind Wesen mit starker Magie und sie haben ein sehr langes Leben. Von diesem langen Leben können wir Drakoniere profitieren. Ich lebe nunmehr schon seit gut dreihundert Jahren. In meiner Amtszeit habe ich bisher drei Menschen von der anderen Welt begrüssen dürfen und mit dir sind es nun vier. Sicher werde ich noch den einen oder anderen miterleben, denn der älteste Drakonier ist fünfhundert geworden.“
„Oh, das ist ja faszinierend“, bemerkte Raphael. „Und was ist mit den anderen passiert? Was wird mit mir passieren?“
Koras rieb sich kurz das Kinn. „Was mit dir passieren wird, ist deine freie Entscheidung. Entweder du bleibst hier in dieser Welt und versucht dir hier ein leben aufzubauen, wie es fast alle anderen vor dir auch getan haben, oder aber du kehrst wieder zurück. Dann allerdings wird dein gesamtes Wissen über diese Welt aus deinen Erinnerungen gelöscht, als wenn es sie nie gegeben hätte. Wir wollen nicht, dass zu viele Menschen von der anderen Welt zu uns kommen.“
„Und was ist, wenn ich mich erst entscheide, hier zu bleiben und dann doch erkenne, dass ich hier nicht hinein passe?“
„Das würde kompliziert werden. Deine Entscheidung, die du einmal treffen wirst, wird für ewig deine Entscheidung bleiben. Man könnte dich auch später wieder zurückschicken, doch wie sehr sich dann die andere Welt schon verändert haben wird, können wir dir nicht sagen und ich denke, du hättest dann sehr grosse Probleme. Soweit ich es erfahren habe, ändert sich in deiner Welt sehr viel und das mit rasender Geschwindigkeit.“
Ein paar Überlegungen in diese Richtung brachten Raphael dazu, dass er dem Ritter durchaus zustimmen musste. Es war wirklich sehr schwer zu sagen, ob ein Jahr später die Grenzen noch so existieren würden, wie sie es gerade taten. Oder vielleicht hatte es die Menschheit dann sogar schon geschafft, diese eine Welt völlig unbewohnbar werden zu lassen.
„Kann ich mich hier etwas umsehen und Eindrücke sammeln, ehe ich mich entscheide?“
„Ja, wir geben denen aus deiner Welt stets einen Monat Zeit. Das muss dann aber genügen. Du kannst dich auch gern mit einigen von ihnen unterhalten, sofern sie noch leben. Zwei von ihnen sind heute selbst Drakoniere und auch noch sehr fähige.“
Auf einem Drachen reiten, ja, das wäre doch auch irgendwie richtig spannend… „Ja, ich werde mir eure Welt ein wenig ansehen und dann spätestens am Ende des Monats meine Entscheidung ihnen mitteilen.“
Der Ritter lächelte. „Gut, dann zeige ich dir, wo du dich für den Monat niederlassen kannst und veranlasse, dass du andere Kleidung bekommst. Deine Wunden müssten nun auch geheilt sein. Komm doch einfach mit mir.“
Als wenn seine Rüstung leicht wie eine Feder sei, stand Koras aus seinem Stuhl auf und ging zur Tür. Flinken Fusses folgte ihm Raphael und wurde dann einige Korridore weit geführt. Seine Wunden waren tatsächlich verheilt, jedenfalls tat ihm nichts mehr weh. Ein gutes Zeichen.
Sein zugewiesenes Zimmer war recht klein, reichte aber auch für eine Person. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett am Fenster waren die einzigen Möbel. Von der Zierde der bisherigen Räume in diesem Gebäude hatte der Raum auch nicht viel abbekommen, aber das störte auch nicht besonders. Für einen Monat liess es sich hier sicher gut schlafen.
„Danke“ Raphael neigte ein wenig sein Haupt vor Koras, um den Dank auch mit einer Gestik zu verdeutlichen und Koras lies ihn dann alleine. „Du weißt, wo du mich findest“, waren seine letzten Worte gewesen.
Auf dem Bett vor ihm lagen Sachen, schön zusammengelegt und Raphael nach sich das oberste Kleidungsstück des Stapels und betrachtete es sich. Ein einfaches Leinenhemd in seiner Grösse, dazu eine einfache Leinenhose, ein paar Lederschuhe und eine Kappe, die er aber nicht anprobierte, da er Hüte hasste. Die Kleidung passte, war zwar nicht gerade die beste Mode, aber auch in seiner eigentlichen Welt hatte er nicht die supergrosse Auswahl gehabt. Ob er sich so einfach mal unters Volk mischen sollte? Es war ja sicher noch Markt draussen.
Immer noch waren viele Menschen auf den Strassen und es ging recht eng zu. Marktschreier brüllten sich die Seele aus dem Leib, um ihre Waren anzupreisen. Dort gab es frisches Obst und Gemüse, wo anders edelsten Schmuck und anderenorts gar feinstes Gewebe in Form von Stoffen und Tüchern. Es schnupperte auch richtig gut und Raphaels Gaumen schien zerfliessen zu wollen. Da fiel ihm ein, dass er Hunger hatte, denn es war schon etwas länger her, dass er gefrühstückt hatte. Gebratenes Hähnchen, leckere Fladen mit irgendeiner Füllung und süsse, kandierte Früchte luden zum Festschmaus ein, doch in seinen Taschen befand sich kein Geld, um etwas kaufen zu können. Er hätte vielleicht Koras wegen einer kleinen Finanzspritze fragen sollen?
Sehnsüchtig starrte er auf ein Schwein am Spiess, von dem schon so manch einer gekostet hatte.
„Na? Auch ein Stück leckeren Schweinebraten?“ Er musste dem Verkäufer dankend absagen. Zu gern hätte er jetzt „Ja“ gesagt und seine Zähne in den saftigen Braten gehauen. Sein Magen rebellierte kleinlaut gegen seine Entscheidung und krampfte sich auch noch schmerzhaft zusammen. Er brauchte was zu essen.
„Ach du bist ja auch hier…“ erschrocken drehte er sich um und erkannte Leiira. Sie trug jetzt keine Rüstung mehr, sondern ein Alltagskleid und ihre langen Haare waren zu einem schönen Zopf gebunden, in dem eine Blume steckte. Sie grinste ihn breit an. „Etwas unters Volk mischen? Nicht? Du musst dich demnächst entscheiden, oder?“
Er nickte. „Ja, in einem Monat ungefähr. Aber jetzt habe ich eigentlich Hunger und ich“, er kam gar nicht mehr weiter im Satz, denn Leiira bestellte kurzerhand zwei Schweinebraten und zwei Krüge Met.
Das hatte er wirklich gebraucht. Nun, mit vollem Magen und ein wenig erheitert durch den Alkohol des Mets, schlenderte er mit Leiira, die sich als wandelnde Stadtkarte prächtig ins Zeug legte, durch die Strassen von Drakora. Sie war doch so viel anders, als seine Version. Er fand sie hier viel schöner und vor allem gemütlicher.
Sollte er wirklich hier bleiben? Sein Leben oben hinter sich lassen und mit seinen jungen Jahren einfach hier noch einmal von vorn beginnen? Würden ihm die Technik und das alles fehlen? Nein, einzig und alleine seine Freunde würde er zurück lassen, doch hatte er das nicht schon mit seinem damaligen Umzug nach Drakora getan gehabt? Er war nun bald Neunzehn Jahre alt und er wollte eigentlich noch das Leben geniessen, ohne ewigen Krieg und das ständige Elend vor seinen Augen. Hier war alles ein Paradies, verglichen mit seiner Welt. Armut existierte hier auch, denn die Bettler waren ihm auch hier aufgefallen, aber die anderen Menschen schienen normal zu leben, ohne grosse Angst den nächsten Morgen nicht mehr erleben zu müssen.
Und doch, er war sich unsicher. Denn irgendwie hatte er etwas aus seinem Leben gemacht gehabt. Er war was geworden und war wichtig gewesen. Ihm hatte das Fliegen Spass bereitet und die Missionen waren der reinste Nervenkitzel gewesen. Er müsste das alles aufgeben und hier wieder von vorn beginnen. Sich wieder stark anstrengen, damit aus ihm nicht solch ein Bettler werden würde.
Diese Gedanken verfolgten ihn noch viele Tage und Nächte lang. Er hatte mit den beiden Drakonieren gesprochen, die einst aus seiner Welt gekommen waren und hier nun ein friedliches Leben führten, hatte Albträume gehabt vom Tod seiner Freunde, weil er nicht da gewesen war und er hatte den Drachen bei ihren Flugübungen mit den neuen Anwärtern zugesehen.
Die Welt hier war faszinierend, doch ihm fehlte auch seine eigentliche Welt.
Die Entscheidung würde schwer fallen.
Und sie rückte immer näher.
Verdammt nahe…
Und ehe er es sich versah, war er da, der Tag der Entscheidung. Er stand vor dem Schreibtisch von Koras. Er spürte die Blicke von ihm, die ihn zu durchdringen schienen. Ob Koras vielleicht Gedanken lesen konnte? Oder vielleicht versuchte er es zumindest?
Raphael atmete tief ein und wieder aus. Die Luft fühlte sich trocken an und sein Hals war wie zugeschnürt.
„Wie hast du dich entschieden, Raphael?“
Diese Worte, die das lang Hinausgezögerte nun erschreckend nahe brachten. Wie sollte er sich nun entscheiden?
Schweiss rann von seiner Stirn und er wischte sie mit seinem Ärmel ab. Noch immer trug er die hier übliche Kleidung und sicher hoffte Koras darauf, dass dies noch ewig so sein würde.
Raphael schluckte, der Kloss in seinem Hals lies nur spärlich Raum für deutliche Worte.
„Ich habe mich entschieden.“
Ein letztes Zögern, doch dann fasste er sich ein Herz, holte abermals tief Luft, ein letztes Mal, denn diesen Schritt musste er gehen.
Seinen letzten Schritt!
Michael Lervin – Philosoph und Hobbygärtner
Lange war es dunkel, dann tauchten Lichtblitze auf, wurden zu Strichen aus gleissendem Licht, die zu kleinen Supernoven explodierten. Begleitet wurde dieses optische Spektakel von höllischen Schmerzen. Sie fühlten sich an, als würden Ratten an jedem Körperteil nagen, besonders am Kopf.
Das Aufstehen war keine Option, denn der Schmerz lähmte die Glieder. So hatte sich wohl keiner den Tod vorgestellt. Ein Leben nach dem Tode war also noch schlimmer als das Leben an sich?
‚Spitze!’ dachte Raphael, der selbst im Tod versuchte jedem Ding einen Sinn zu geben und alles ergründen zu wollen. ‚Selbst nach meinem Leben hab ich so ein Pech. Wo sind denn das prophezeite Paradies, die Engel und das Himmelstor? Alles immer nur Schwachsinn gewesen? Na, so hatte ich mir das auch vorgestellt. Enttäuschend, aber normal.
So ganz in Gedanken versunken bemerkte er überhaupt nicht, dass er die ganze Zeit berührt wurde. Jemand versuchte ihn zu wecken und ganz allmählich drangen Worte an sein Ohr, die er erst ignoriert hatte.
„Na komm schon, steh auf!“
Zu ihm sprach jemand, doch er sah niemanden. Das war nun wirklich merkwürdig. Aber vielleicht lag das auch an dem umstand, dass er noch nicht ganz die Augen geöffnet hatte.
Wieder dieses gleissende Licht, doch dann wurde es matter und er erkannte umrisse von etwas oder jemandem, der sich scheinbar über ihn gebeugt hatte.
Sie wurden klarer, schärfer und bekamen eine Färbung. Aus Schemen wurden deutliche Dinge und diese wiederum erstaunten Raphael. Über ihn beugte sich eine junge Dame mit langem, braunem Haar, deren Spitzen strohblond waren. Ihre Augen glitzerten wie zwei aufwendig geschliffene Saphire und ihr Lächeln war bezaubernd.
„Ah ihr seid doch nicht tot!“ sprach sie erfreut und lächelte noch breiter, als sie es sowieso schon getan hatte.
Raphael verzog die Schnute. Also war er doch noch am Leben. Er sah sich um. Höchst eigenartig war nicht einmal die Tatsache, dass er nach einem höchstwahrscheinlichem Zusammenstoss mit etwas grossem, schweren nicht das Zeitliche gesegnet hatte, sondern dass er jetzt in einem leicht ruinösen sakralen Bauwerk war und Gesellschaft von einer jungen Dame hatte, die zwar sein Geschmack war, aber irgendwie vom Aussehen her eher an einen Ritter, als an jemanden aus seiner Zeit erinnerte. Verwirrt starrte er sie an, ihre Rüstung, die wie blankpoliertes Chrom glänzte, ihre weisse Kleidung, über der sie die Rüstung trug und ihr Schwert, welches an dem Gürtel um ihre Hüfte angebracht war. Sie wirkte wie ein fremdes Wesen aus einem Traum.
„Ich glaube, ich bin doch tot.“ Antwortete er ihr und versuchte sich zu bewegen. Erst jetzt erkannte er einige Verbände an seinen Armen und um seinen Körper herum. Das fremde Fräulein half ihm bei seinen Versuchen und gemeinsam schafften sie es, ihn in eine einigermassen bequeme Sitzposition zu bringen.
„Wenn ihr wirklich tot wäret, würdet ihr nicht mehr hier sitzen und mit mir sprechen. Übrigens, es tut mir furchtbar leid, dass ich sie so überrannt habe.“
Sie hatte ihn überrannt? Das letzte, an was er sich erinnern konnte, war ein riesiges Maul mit spitzen Zähnen und ein Feuerball, der auf ihn zugerast kam. Oder war das nur ein Traum gewesen?
Er kratzte sich am Hinterkopf und kam dabei an eine seiner vielen beulen. „Autsch!“
„Ihre Wunden dürften bald alle verheilt sein. Dria hat ihr bestes gegeben. Ihre Heilkräfte sind nur leider schon recht erschöpft durch unsere lange Reise.“
Sie zeigte beim Namen „Dria“ auf einen zerfallenen Eingang der Kirche, in der sich Raphael befand und was er da erblickte, lies seinen Atem in der Kehle stecken. Er japste nach Luft und stotterte vor sich hin. „Da…da…das….“
Dort am Eingang sass ein gewaltig grosses, geschupptes Ungetüm, rot und mit einem grossen, mit Zähnen bespickten Maul, welches garantiert Feuer spucken konnte. „Das ist das Ding, was mich vom Himmel holen wollte und…“ er sah sich noch mal kurz um, „es wohl auch geschafft hat.“ Er war aufgebracht, erschrocken und fasziniert zugleich. Dieses Wesen und diese Frau waren wie die Figuren in seinen Träumen, wie die Schatten längst vergangener Zeiten. Und doch konnte er die Tatsache nicht ausblenden, dass er eindeutig von diesem Vieh angegriffen worden war und er beinahe den Tod gefunden hatte.
„Dria wollte dir nichts tun. Sie ist noch ein recht unerfahrener Drache, welcher noch etwas gereizt wirkt, wenn ihm plötzlich jemand in die Flugbahn gerät. Ist ja auch nicht gerade höflich gewesen.“
Die junge Frau stand auf und strich sich die Kleidung wieder zu Recht.
„Wo kommst du eigentlich her?“ diese Frage von ihr war eine, die er eher zu Anfang erwartet und auch gefürchtet hatte. Nun traf sie ihn wie ein Speer ins Herz.
„Ehm… Also ich komme aus Drakora und war mit meinem Flugzeug unterwegs, um vermisste …“ Die Frau hob ihre Rechte Hand und wies ihn an zu stoppen.
„Ah Drakora also. Da komme ich auch her. Nur nicht von oben, sondern aus dem Drakora, welches hier ist.“
Nun war Raphael völlig baff. „Es gibt zwei Drakoras?“ Sie nickte stumm. „Wie denn das?“ Hoffentlich erzählte sie ihm noch etwas darüber.
„Nicht alle wissen es. Ich denke ihr oben wisst es überhaupt nicht. Hier erhalten nur die Drakonier, die Paladine des Königreiches Drakora und die Gelehrten von Rhun dieses Wissen. Ich bin übrigens Drakonier, deswegen ist Dria auch mein Drache“, sie räusperte sich kurz. „Jedenfalls ist es so, dass es zwei Welten gibt. Wir müssen davon wissen, denn es gibt Verbindungspunkte zwischen den Welten. Alles, was kein Lebewesen ist, verbleibt in der jeweiligen Welt und für andere sieht es so aus, als wenn dort ein Unfall passiert sei. Logischerweise trifft es da mehr deine Welt, denn sie wurde auf den Pfeilern unseres Reiches gebaut. Hier haben sich diejenigen hingeflüchtet, die die alte Weltordnung bevorzugen und für diejenigen, die ihnen folgen wollen, Portale übrig gelassen. Alle die, die nach Fortschritt strebten blieben in der Welt, wie du sie wohl kennst.“ Sie blickte in ein völlig verdattertes Gesicht, aus dem man förmlich die Anstrengung ablesen konnte, die nötig sein musste, um ihr noch weiterhin folgen zu können.
„Ich glaube es ist besser, wenn du das von unserem Hüter des Drachenbundes erklärt bekommst. Ich bin nicht so gut in so was und ich glaube du verstehst mich kaum, oder?“ Raphael nickte. Er verstand sie tatsächlich kaum. Sie hatte irgendwie was von zwei Drakoras erzählt und von zwei Welten und er war wohl von der einen in die andere gerutscht. Aber wie konnte das möglich sein?
Grosse Wälle aus Stein, weiss wie Marmor und spitz, hohe Türme prägten auch hier das Stadtbild. Dies war ähnlich zu dem, was er schon kannte. Anders war das geschäftige Treiben auf einem wunderschönen Basar, die fröhlichen Menschen, die vielen Arten von Tieren und die saubere Luft, die durch die Strassen flanierte. Dieses Drakora war viel schöner, als die hoch technologisierte Stadt mit Unmengen an Schuttbergen, schmutziger Luft und einer Fauna, die lediglich aus Menschen und Ratten bestand, die er kannte. So lief er hinter seiner neuen Führerin staunend hinterher, lies seine Blicke über die Auslagen der Stände schweifen, blieb hin und wieder stehen und vergass fast, warum er eigentlich hinter der jungen Frau hinterher lief.
Beinahe hätte er sie an einer Weggabelung verloren, war aber doch noch schnell genug gewesen.
Vor einem Haus mit Kuppeldach blieben sie stehen und Dria, der Drache, wurde von der Lady an einem dafür vorgesehenen grossen Eisenring angekettet. Danach betraten sie beide das Gebäude. Eine riesige Vorhalle hiess Gäste willkommen. Überwältigender Stuck zierte die Decke und die Wände, Säulen mit reich verzierten Kapitellen hielten das Dach und bildeten gleichzeitig eine Passage, die zu einem weiteren, noch grösseren Raum führte. Von diesem gingen strahlenförmig mehrere Gänge ab. Sie standen direkt unter der Kuppel und warteten. Wohin wohl die vielen Gänge führen mochten?
Ein leises Klacken, welches immer lauter wurde, erweckte alsbald Raphaels Aufmerksamkeit. Nur wenige Minuten später stellte sich heraus, dass es die Schritte eines erhaben dahin schreitenden Ritters in voller Rüstung war. Er schepperte förmlich in seiner prunkvollen Rüstung und Raphael war sich recht sicher, dass diese nur des Protzes wegen getragen wurde. Auf dem Schlachtfeld war die sicher ein wenig zu wuchtig. Aber so richtig kannte er sich da auch nicht aus.
Der Mann vor ihm sah zu der jungen Lady und dann zu Raphael. Er schien zu lächeln, zumindest bewegten sich seine Mundwinkel ein Stück ins obere Drittel und hingen nicht schlaff herab.
„Aha ein Neuer?“ Die brummige Stimme klang sehr beruhigend und freundlich.
Die Drachenreiterin nickte.
„Gut, Leiira. Ich werde ihm alles erklären. Kümmere du dich um deinen Drachen und ruhe dann ein wenig aus. Du hast eine lange Reise hinter dir und den bereicht kannst du auch noch später abliefern. Ausser natürlich, du hast ganz dringende Neuigkeiten.“
„Nein, Sir. Ich habe keinerlei Neuigkeiten, deren Meldung keinen Aufschub dulden könnte. Ich werde sie jetzt alleine lassen.“
Die junge Dame, nun kannte Raphael auch endlich ihren Namen, verneigte sich ein wenig und kehrte dann beiden den Rücken zu. Raphael kam gar nicht dazu ihr hinterher zu schauen, denn der edle Ritter nahm ihn bei der Schulter und führte ihn mit einem sanften Druck weiter zu einem anderen Raum.
Dieser wirkte eher wie ein Arbeitszimmer, geräumig, aber nicht zu gross. Ein Tisch war mit Kartenmaterial belegt, ein anderer glich einem alten Schreibtisch. Ein wenig in der Ecke an einem grossen Fenster stand ein runder, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Dorthin führte ihn der Ritter und wies ihm an sich zu setzen. Raphael kam gern der Einladung nach, denn seine Wunden schmerzten doch noch ein wenig.
„Dir muss dies sicher alles sehr merkwürdig vorkommen, oder?“ Der Ritter setzte sich ihm gegenüber. Komischerweise hatte er kaum Mühe dabei, trotz der unbequem wirkenden Rüstung. Raphael nickte. Es war alles wirklich sehr seltsam hier.
„Eines sei dir gleich gesagt. Dies ist kein Traum. Viele, die das Gleiche erlebt haben wie du, denken so. Aber es ist die Realität.“
Raphael nickte nur verstehend.
„Ich bin übrigens Koras, der Hüter des Drachenbundes und oberster Paladin der Garde des Reiches.“
Raphael kam sich etwas unwohl vor, denn der Herr schien ein sehr hohes Tier zu sein und hatte sich nun auch noch so nett vorgestellt. Da wollte er nicht unhöflich erscheinen und zwang sich ein „Raphael“ heraus. Koras lächelte wohlwollend.
„Sicher hat dir Leiira versucht alles zu erklären, aber sie ist oft etwas ungestüm und erzählt vieles nicht wirklich der Reihenfolge nach. War sicher verwirrend für dich.“
Erneut nickte Raphael. „Sie sagte irgendetwas über zwei Welten und ich sei von der einen in die andere gekommen. Aber wie geht so was? Ist das nicht unmöglich? Ich komme mir vor, als wäre ich im Zeitalter der alten Königreiche.“
Keros nickte. „So erzählten es mir auch schon andere. Du musst wissen, du bist nicht der Einzige, der hier her gekommen ist. Natürlich ist dies immer durch Zufall passiert…aber lass mich doch von vorn beginnen.“
Er räusperte sich kurz und begann dann zu erzählen.
„Diese Welt war einst nur eine einzige, grosse Welt. Es war eine Welt mit Magie und mit Wesen, die du sicher nur aus alten Geschichten kennst. Auch wir kennen sie nicht mehr alle. Dies war das Zeitalter der alten Königreiche. Wie es allerdings nicht zu verhindern war, gab es einige, die mit der Lebensweise nicht einverstanden waren. Sie wollten schnellen Fortschritt und entwickelten mächtige Technik und Waffen. Andere wollten nicht an dem Teil haben und suchten nach einem Weg ihre Ideale beizubehalten.
So spaltete sich die Menschheit in zwei Gruppen, die alte und die neue Ordnung. Die alte Ordnung schaffte es, die Welt in zwei Ebenen zu teilen und sich unterhalb der eigentlichen Welt ein Reich aufzubauen und zu erhalten, in dem weiterhin das Gesetz der Magie und der Natur galt. Die anderen blieben auf ihrem Teil der Welt und entwickelten sich weiter, immer auf Fortschritt bedacht.
Sie lebten sich so weit auseinander, dass bei euch oben nur noch alte Geschichten existieren und bei uns wissen nur die Höchsten und die Gelehrten von eurer Existenz.
Da es aber Verbindungsstellen zwischen beiden Welten gibt, patrouillieren unsere Drachenreiter in diesen Gegenden und sammeln Neuankömmlinge, wie dich, ein. Diese Verbindungsstellen sind im Grunde gut geschützt und schwer zu erreichen, aber hin und wieder passiert doch einer die Punkte. Damit die anderen Bewohner dieser Welt nichts von euch erfahren, werdet ihr sofort zu mir gebracht. Du bist übrigens der Erste seit fünfzig Jahren.“
„Fünfzig Jahre? Wie alt seid ihr, wenn ich fragen darf? Ihr seht gar nicht aus, wie naja, jemand, der schon vor fünfzig Jahren solche Aufgaben hätte meistern können.“
Raphael starrte sein Gegenüber interessiert an. Irgendwie faszinierten ihn diese Geschichte und diese Person vor ihm. Der Ritter lachte.
„Ja, das mag merkwürdig klingen, aber wir Drachenreiter haben einen starken Pakt mit unseren Drachen abgeschlossen. Drachen sind Wesen mit starker Magie und sie haben ein sehr langes Leben. Von diesem langen Leben können wir Drakoniere profitieren. Ich lebe nunmehr schon seit gut dreihundert Jahren. In meiner Amtszeit habe ich bisher drei Menschen von der anderen Welt begrüssen dürfen und mit dir sind es nun vier. Sicher werde ich noch den einen oder anderen miterleben, denn der älteste Drakonier ist fünfhundert geworden.“
„Oh, das ist ja faszinierend“, bemerkte Raphael. „Und was ist mit den anderen passiert? Was wird mit mir passieren?“
Koras rieb sich kurz das Kinn. „Was mit dir passieren wird, ist deine freie Entscheidung. Entweder du bleibst hier in dieser Welt und versucht dir hier ein leben aufzubauen, wie es fast alle anderen vor dir auch getan haben, oder aber du kehrst wieder zurück. Dann allerdings wird dein gesamtes Wissen über diese Welt aus deinen Erinnerungen gelöscht, als wenn es sie nie gegeben hätte. Wir wollen nicht, dass zu viele Menschen von der anderen Welt zu uns kommen.“
„Und was ist, wenn ich mich erst entscheide, hier zu bleiben und dann doch erkenne, dass ich hier nicht hinein passe?“
„Das würde kompliziert werden. Deine Entscheidung, die du einmal treffen wirst, wird für ewig deine Entscheidung bleiben. Man könnte dich auch später wieder zurückschicken, doch wie sehr sich dann die andere Welt schon verändert haben wird, können wir dir nicht sagen und ich denke, du hättest dann sehr grosse Probleme. Soweit ich es erfahren habe, ändert sich in deiner Welt sehr viel und das mit rasender Geschwindigkeit.“
Ein paar Überlegungen in diese Richtung brachten Raphael dazu, dass er dem Ritter durchaus zustimmen musste. Es war wirklich sehr schwer zu sagen, ob ein Jahr später die Grenzen noch so existieren würden, wie sie es gerade taten. Oder vielleicht hatte es die Menschheit dann sogar schon geschafft, diese eine Welt völlig unbewohnbar werden zu lassen.
„Kann ich mich hier etwas umsehen und Eindrücke sammeln, ehe ich mich entscheide?“
„Ja, wir geben denen aus deiner Welt stets einen Monat Zeit. Das muss dann aber genügen. Du kannst dich auch gern mit einigen von ihnen unterhalten, sofern sie noch leben. Zwei von ihnen sind heute selbst Drakoniere und auch noch sehr fähige.“
Auf einem Drachen reiten, ja, das wäre doch auch irgendwie richtig spannend… „Ja, ich werde mir eure Welt ein wenig ansehen und dann spätestens am Ende des Monats meine Entscheidung ihnen mitteilen.“
Der Ritter lächelte. „Gut, dann zeige ich dir, wo du dich für den Monat niederlassen kannst und veranlasse, dass du andere Kleidung bekommst. Deine Wunden müssten nun auch geheilt sein. Komm doch einfach mit mir.“
Als wenn seine Rüstung leicht wie eine Feder sei, stand Koras aus seinem Stuhl auf und ging zur Tür. Flinken Fusses folgte ihm Raphael und wurde dann einige Korridore weit geführt. Seine Wunden waren tatsächlich verheilt, jedenfalls tat ihm nichts mehr weh. Ein gutes Zeichen.
Sein zugewiesenes Zimmer war recht klein, reichte aber auch für eine Person. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett am Fenster waren die einzigen Möbel. Von der Zierde der bisherigen Räume in diesem Gebäude hatte der Raum auch nicht viel abbekommen, aber das störte auch nicht besonders. Für einen Monat liess es sich hier sicher gut schlafen.
„Danke“ Raphael neigte ein wenig sein Haupt vor Koras, um den Dank auch mit einer Gestik zu verdeutlichen und Koras lies ihn dann alleine. „Du weißt, wo du mich findest“, waren seine letzten Worte gewesen.
Auf dem Bett vor ihm lagen Sachen, schön zusammengelegt und Raphael nach sich das oberste Kleidungsstück des Stapels und betrachtete es sich. Ein einfaches Leinenhemd in seiner Grösse, dazu eine einfache Leinenhose, ein paar Lederschuhe und eine Kappe, die er aber nicht anprobierte, da er Hüte hasste. Die Kleidung passte, war zwar nicht gerade die beste Mode, aber auch in seiner eigentlichen Welt hatte er nicht die supergrosse Auswahl gehabt. Ob er sich so einfach mal unters Volk mischen sollte? Es war ja sicher noch Markt draussen.
Immer noch waren viele Menschen auf den Strassen und es ging recht eng zu. Marktschreier brüllten sich die Seele aus dem Leib, um ihre Waren anzupreisen. Dort gab es frisches Obst und Gemüse, wo anders edelsten Schmuck und anderenorts gar feinstes Gewebe in Form von Stoffen und Tüchern. Es schnupperte auch richtig gut und Raphaels Gaumen schien zerfliessen zu wollen. Da fiel ihm ein, dass er Hunger hatte, denn es war schon etwas länger her, dass er gefrühstückt hatte. Gebratenes Hähnchen, leckere Fladen mit irgendeiner Füllung und süsse, kandierte Früchte luden zum Festschmaus ein, doch in seinen Taschen befand sich kein Geld, um etwas kaufen zu können. Er hätte vielleicht Koras wegen einer kleinen Finanzspritze fragen sollen?
Sehnsüchtig starrte er auf ein Schwein am Spiess, von dem schon so manch einer gekostet hatte.
„Na? Auch ein Stück leckeren Schweinebraten?“ Er musste dem Verkäufer dankend absagen. Zu gern hätte er jetzt „Ja“ gesagt und seine Zähne in den saftigen Braten gehauen. Sein Magen rebellierte kleinlaut gegen seine Entscheidung und krampfte sich auch noch schmerzhaft zusammen. Er brauchte was zu essen.
„Ach du bist ja auch hier…“ erschrocken drehte er sich um und erkannte Leiira. Sie trug jetzt keine Rüstung mehr, sondern ein Alltagskleid und ihre langen Haare waren zu einem schönen Zopf gebunden, in dem eine Blume steckte. Sie grinste ihn breit an. „Etwas unters Volk mischen? Nicht? Du musst dich demnächst entscheiden, oder?“
Er nickte. „Ja, in einem Monat ungefähr. Aber jetzt habe ich eigentlich Hunger und ich“, er kam gar nicht mehr weiter im Satz, denn Leiira bestellte kurzerhand zwei Schweinebraten und zwei Krüge Met.
Das hatte er wirklich gebraucht. Nun, mit vollem Magen und ein wenig erheitert durch den Alkohol des Mets, schlenderte er mit Leiira, die sich als wandelnde Stadtkarte prächtig ins Zeug legte, durch die Strassen von Drakora. Sie war doch so viel anders, als seine Version. Er fand sie hier viel schöner und vor allem gemütlicher.
Sollte er wirklich hier bleiben? Sein Leben oben hinter sich lassen und mit seinen jungen Jahren einfach hier noch einmal von vorn beginnen? Würden ihm die Technik und das alles fehlen? Nein, einzig und alleine seine Freunde würde er zurück lassen, doch hatte er das nicht schon mit seinem damaligen Umzug nach Drakora getan gehabt? Er war nun bald Neunzehn Jahre alt und er wollte eigentlich noch das Leben geniessen, ohne ewigen Krieg und das ständige Elend vor seinen Augen. Hier war alles ein Paradies, verglichen mit seiner Welt. Armut existierte hier auch, denn die Bettler waren ihm auch hier aufgefallen, aber die anderen Menschen schienen normal zu leben, ohne grosse Angst den nächsten Morgen nicht mehr erleben zu müssen.
Und doch, er war sich unsicher. Denn irgendwie hatte er etwas aus seinem Leben gemacht gehabt. Er war was geworden und war wichtig gewesen. Ihm hatte das Fliegen Spass bereitet und die Missionen waren der reinste Nervenkitzel gewesen. Er müsste das alles aufgeben und hier wieder von vorn beginnen. Sich wieder stark anstrengen, damit aus ihm nicht solch ein Bettler werden würde.
Diese Gedanken verfolgten ihn noch viele Tage und Nächte lang. Er hatte mit den beiden Drakonieren gesprochen, die einst aus seiner Welt gekommen waren und hier nun ein friedliches Leben führten, hatte Albträume gehabt vom Tod seiner Freunde, weil er nicht da gewesen war und er hatte den Drachen bei ihren Flugübungen mit den neuen Anwärtern zugesehen.
Die Welt hier war faszinierend, doch ihm fehlte auch seine eigentliche Welt.
Die Entscheidung würde schwer fallen.
Und sie rückte immer näher.
Verdammt nahe…
Und ehe er es sich versah, war er da, der Tag der Entscheidung. Er stand vor dem Schreibtisch von Koras. Er spürte die Blicke von ihm, die ihn zu durchdringen schienen. Ob Koras vielleicht Gedanken lesen konnte? Oder vielleicht versuchte er es zumindest?
Raphael atmete tief ein und wieder aus. Die Luft fühlte sich trocken an und sein Hals war wie zugeschnürt.
„Wie hast du dich entschieden, Raphael?“
Diese Worte, die das lang Hinausgezögerte nun erschreckend nahe brachten. Wie sollte er sich nun entscheiden?
Schweiss rann von seiner Stirn und er wischte sie mit seinem Ärmel ab. Noch immer trug er die hier übliche Kleidung und sicher hoffte Koras darauf, dass dies noch ewig so sein würde.
Raphael schluckte, der Kloss in seinem Hals lies nur spärlich Raum für deutliche Worte.
„Ich habe mich entschieden.“
Ein letztes Zögern, doch dann fasste er sich ein Herz, holte abermals tief Luft, ein letztes Mal, denn diesen Schritt musste er gehen.
Seinen letzten Schritt!
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Der Drachenbund
i.a.grafix, 22:46h
Diese Geschichte ist meinem Freund Roger Meier gewidmet, der Drachen wahnsinnig gern hat und dem ich hiermit danken möchte für all die schönen Stunden zusammen, die hoffentlich nicht so schnell vergehen mögen.
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Kapitel 1 – Der Sturm
Viele Lieder ranken sich um Drachen und ihre sagenhafte Gestalt, doch sind dies eben alles nur Lieder von vergangenen Zeiten, von Reichen mit edlen Rittern und Königen, denen ihr Volk noch wichtig gewesen war. Doch nun ist das alles nichtig. An diese Königreiche erinnern nur noch ein paar Steinbrocken, nicht einmal mehr Ruinen zeugen von diesen prächtigen Zeitaltern.
Uns bleiben nur noch die Lieder und einige Bilder, die aber auch mit der Zeit verblassen.
Eines dieser Kunstwerke habe ich mir als Poster an die Wand genagelt. Es zeigt einen Schwarzen Drachen, auf dem ein mächtiger und edler Ritter mit hoch erhobener Lanze reitet. Ein Meer aus Wolken haben sie hinter sich gelassen, Drache und Reiter und eine brennende Festung. Ob so wohl früher die Schlachten ausgesehen haben?
In der heutigen Zeit fliegen Monster an uns vorbei, mit denen sich die einstigen Riesen wohl kaum messen können. Riesige Schlachtschiffe, die den Himmel verdunkeln können und von denen einige sogar in der Lage sind, ganze Landstriche mit einem Schlag auszulöschen. Wir Menschen sind nur noch Marionetten einer vom Militär beherrschten Welt. Krieg ist das, was den Ländern Frieden bringt. Zwar wird dadurch viel zerstört, aber zwei verfeindete Nationen kämpfen dann nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander. Wirklich lange hält ein Frieden ohnehin nicht an.
Wir Kinder werden dabei übrigens nicht vergessen. Ganz im Gegenteil, denn wir sind die Zukunft. Wir sollen später einmal diese Schlachtschiffe fliegen und damit die Errungenschaften der älteren Generation ehren und ihre Taten fortführen. Dafür sind wir geboren und dafür sterben wir. In der Zeit zwischen Geburt und Tod werden wir gedrillt und mit Propaganda zugemüllt. Es wäre schön für sein Vaterland zu sterben. Wundervoll sei die Zeit nach dem Krieg, wenn die eigene Macht eine Grossmacht geworden ist. Niemand spricht von den Opfern, dem Leid auf der Welt, den Hunger und die Seuchen, welche viele Gebiete in ihre herzlose Umarmung geschlossen haben. Niemand …
Dies waren oft die Gedanken von Raphael, wenn er erneut von der Schule nach Hause ging. Ein Zuhause, welches eher einem Schutthaufen glich, als einem Haus. Er war hier nicht geboren worden, war erst seit zwei Jahren hier her gekommen. Seine neue Familie bestand aus anderen Kindern, die wie er hier her gekommen waren. Sie hatten nicht woran sie wirklich festhalten konnten, ausser ihrem wenigen hab und Gut, dass sie aus den Trümmern ihrer einstigen Familienhäusern hatten retten können. Ihre Eltern waren schon längst getötet, verschollen oder auf ewig in einem der Schlachtschiffe gefangen, denn sie mussten dem Vaterland dienen. Niemand kümmerte sich goss um sie, lediglich Nahrung, Kleidung und eine Schulbildung war ihnen nicht vergönnt. Schliesslich sollten auch diese Kinder einmal fähige Soldaten werden. Überall roch es nach Rauch, Benzin und Abfall. Hier und da hatte ein Hund hingepisst und ein Alki seinen Mageninhalt ausgeschüttet. Keine schöne Gegend, aber immer noch besser, als am Kanal zu leben. Hier wohnten die gut situierten Waisenkinder von Reglon, der schwarzen Stadt. Hier war man noch wer. Unten am Kanal aber, da war nur noch der soziale Dreck vorhanden. Menschen mit Behinderungen, die für den Krieg nicht einmal als Kanonenfutter dienen konnten und Kinder, die die Schule dauernd schwänzten. Dort gab es keine Ärzte, keine Essensrationen und kein sauberes Wasser. Im Kanal schwammen die Industrieabfälle von Jahrhunderten und machten die Menschen dort nur noch kränker.
Raphael hatte es sich auch schon oft überlegt, einfach alles hinzuschmeissen, dem System einfach zu entfliehen. Allerdings wusste er um die Gefahr, die dann auf ihn lauern würde. System oder Kanal, die einzige wirkliche Entscheidung, die man der Bevölkerung noch gelassen hatte.
Raphael blieb vor einem Haus stehen, dessen Dach nicht mehr existent war und von dem auch die Wand zur Küche fehlte. Hier hatte es in der Nähe einmal Bomben geregnet und da kam es schon einmal vor, dass einige Teile der Häuser nicht mehr in den Himmel ragten, sondern als Schutt den Boden zierten. Man hatte einfach die Küche verlegt, aus drei Zimmern eben zwei gemacht und alles war besser. Der Junge, der einst im dritten Zimmer geschlafen hatte, teilte sich nun eins mit Raphael, denn er hatte eines gehabt, welches für die Verhältnisse dieser Zeit recht gross gewesen war. Wer hätte ahnen können, dass daraus danach so ein kleines Loch wurde? Der Mitbewohner, Luis, ehemals aus Dhramia, einem Provinznest ungefähr 10.000 Kilometer landeinwärts war stinkend faul und zudem noch ein Chaot sondergleichen. Er konnte aus sagenhafter Ordnung innerhalb einem Bruchteil einer Sekunde ein Chaos wachsen lassen, welches ungeahnte Dimensionen annehmen konnte. So kam es, dass Raphael gerade mal sein Bett und seine Wand, an der das Bett stand, für sich hatte und der Rest stets Luis gehörte.
Auch heute musste er über alte stinkige Socken springen, aufpassen, dass er nicht in einem Rollerblade stecken blieb – die Gefahr des Wegrollens war wenigstens nicht vorhanden, denn der Rollerblade war von herumliegenden Büchern eingekeilt – und sich dann wieder einmal fragen musste, wohin er denn sein Schulzeug verstauen sollte. Sein Schreibtisch jedenfalls war voll mit alten Tellern und Essensresten, die ebenfalls Luis zu verantworten hatte.
Seufzend machte Raphael kehrt und stürzte beinahe über eine Dinosaurierfigur, konnte sich aber noch beherrschen und sprang beherzt zur Tür. Ein Bein wollte er sich eigentlich jetzt nicht auch noch brechen.
„LUIS! VERDAMMT!“ fluchte Raphael so laut, dass er fürchten musste, das obere Stockwerk, welches nun als Dach diente, würde herunter stürzen. Zu seinem Glück rieselte ihm nur etwas Putz auf die Nase.
Luis war natürlich nicht da, wie immer, und deswegen antwortete keiner seinem anfänglichen Wutausbruch. Dies führte dazu, dass er sich wieder beruhigte. Was nützte einem der beste Wutanfall etwas, wenn keiner da war, der diesem lauschen konnte?
Mürrisch ging er in die Küche, schnappte sich den letzten Apfel aus der Stiege Obst, die sie einmal in der Woche geliefert bekamen und biss hinein. Solch ein frischer Geschmack im Mund, der süss und saftig zugleich war, konnte wirklich beruhigend und entspannend wirken. Für einen Moment schienen alle Sorgen vergessen.
„Hey, Raphael … schon vergessen? Du musst heute noch zur Musterung!“ Tia stand in der Eingangstür mit ihrem Blick auf die Uhr fixiert. Es war bald ein Uhr und Raphael war gestern erst fünfzehn Jahre alt geworden. Ein Wochenanfang bedeutete für alle frischen Fünfzehnjährigen einen neuen Schritt in ihrem Leben, einen gravierenden. Sie wurden gemustert, und zwar zwei Uhr, jeden Montag. Manchmal kam keiner, manchmal nur einer und dann wieder gab es Tage, da meldeten sich mehr als zehn Jungs zu der Musterung. Sie war wichtig, denn hier wurde entschieden, ob man eine Karriere als Soldat vor sich hatte, oder ob man andere Aufgaben für die Armee und sein Vaterland erledigen konnte. Schlimm war es, wenn man nicht hin ging, oder gar ausgemustert wurde. Dann rief der Kanal nach einem.
Schnell griff sich Raphael seine Jacke, biss nochmals in den Apfel. Die Wirkung der Frische war verflogen und einer Art Panik gewichen. Ob er es in einer Stunde bis zu dem Platz schaffen würde?
„Tia, danke! Darf ich mir…“
„Klar, Raphi, du darfst. Der steht draussen an der Laterne. Aber fahr vorsichtig und bring ihn wieder heil mit. Weißt ja, wie teuer die Dinger sind.“
Raphael gab ihr kurz noch einen kleinen Schmatzer auf die Wange, ehe er das Haus verliess, zur nächsten Laterne – die einzige in dieser Strasse – rannte, dort den abgestellten Roller schnappte und losdüste. Der Roller war etwas aufgemotzt, denn Tia hatte sich eine kleine Werkstatt zu Eigen gemacht und reparierte dort nebenbei allerlei Technischen kram, am liebsten natürlich Roller, die Hauptverkehrsmittel der einfachen Bürger dieser Stadt. So schaffte er mehr als 120 Sachen und Raphael freute sich, dass die Häuser nur so an ihm vorbei rasten. Wenn jetzt keine Streife des Militärs kam, war er gerettet. Aber eine gute Ausrede hatte er notfalls dabei.
„Rrrrrrrrraphael Wirden?“ eine schrille Stimme, die das R in jedem Namen bewusst betonte, fegte über den Platz. Alles, was aus Glas war, schien dabei zerspringen zu wollen und Raphaels Trommelfell musste sich gerade entscheiden, ob es zur Sorte „Glas“ oder „menschliches Gewebe“ zählen wollte.
„Ja, ich bin hier!“ nuschelte er. Ein Stück Apfel hatte sich zwischen seinen beiden oberen Schneidezähnen verfangen und nervte ihn tierisch. So fummelte er mit seiner Zunge zwischen den Zähnen herum und versuchte gleichzeitig zu antworten.
„Rrrreden sie gefälligst deutlich mit mirr!“
„Aber klar doch!“ ah endlich war er draussen, doch irgendwie hatte er das Gefühl, als habe er etwas vergessen.
„Ah..äh SIR!“
Ein Gelächter der anderen drei Jungs, die gekommen waren, liess sich nun nicht mehr vermeiden und Raphael sah sich noch mal genauer seinen Prüfer an.
„Oh verd…! Ich meinte, Madam!“
Die Frau vor ihm, gekleidet in eine schwarze Lederuniform mit Abzeichen an der Brust, die sich dort schon häuften, blickte ihn grimmig an. Er war sich sicher, dass sie ihn jetzt schon auf dem Kieker hatte und er dies wohl noch bereuen würde.
„Gut, fangen wir an!“ teilte sie allen Anwesenden mit. „Ich werde ihre Tauglichkeit prüfen und sie anhören, wie ihre Zukunftspläne aussehen. Ich sage es gleich zu Beginn, wer nicht dienen will, kann sofort gehen. Allerdings denke ich, ihnen sind die Konsequenzen bekannt.“
Keiner rührte sich. Das war schliesslich auch verständlich, denn wer wollte schon im Bereich des Kanals sein Dasein fristen? Nur Idioten würden das freiwillig dem Dienst vorziehen.
„Ein jeder, der genommen wird, bekommt die Grundausbildung und wenn er diese abgeschlossen hat, kann er sich spezialisieren. Besonders beliebt sind derzeit Posten wie Pilot, Kanonier oder Mechaniker. Allerdings kann nicht jeder solch einen Posten ergattern. Es kommt ganz auf ihre Leistungen an. Und nun folgen sie mir!“
Es ging runter von dem Platz in eine kleine Baracke, die kleine Zentrale des Militärs am Rande der Stadt. Hier wurden nur Jungs gemustert, die aus den Slums kamen, die nicht aus reichem Elternhaus stammten oder eben wie Raphael Waise waren. Ein kleiner Raum mit fünfzehn Stühlen war ein Warteraum. Jeder von ihnen sollte sich setzen und warten, bis sie einzeln aufgerufen wurden. Eine Befragung an sich würde fünfzehn Minuten dauern, die Untersuchung eine halbe Stunde und das Endgespräch dann noch einmal bis zu fünfzehn Minuten. Wer Glück hatte, konnte diese Baracke also in weniger als einer Stunde verlassen. Allerdings hatte Raphael auch schon andere Geschichten gehört, von Leuten, bei denen das Endgespräch ewig dauerte und die dann wohl auch an vorderster Front kämpfen mussten, ohne Chance auf einen Aufstieg.
Während sie warteten, unterhielten sich zwei andere Jungs, einer von ihnen stellte sich als Toin vor, der andere blieb namenlos. Toin hatte die Meinung vertreten, dass man als Pilot die besten Aufstiegschancen hatte. Erst Pilot, dann Captain und das Highlight war dann Admiral. Der andere allerdings meinte, dass man als Kanonier viel besser dastehen würde. Man würde befördert nach getroffenen Zielen. Holte man also ein paar Schiffe runter, dann war man schneller Admiral, als man „HIER“ schreien konnte. Raphael und noch ein wartender hielten sich da raus. Es ging sie nichts an, noch schienen sie sich für diese Diskussion zu begeistern. Raphael war der Ansicht, dass alle die gleichen Chancen hatten zu sterben, sei es nun ein hoher Admiral auf seinem Flaggschiff, oder ein dahergelaufener Soldat. Lediglich der Sold war ungleich verteilt und damit die Lebensstandards. Ihm war es gleich, was er werden würde. Hauptsache er kam nicht zum Ka…
„Als erster Toin Simmers!“ Na dann, Herr Pilot. Mal sehen, mit welchem Gesicht du dann am Ende der Musterung dastehen wirst. Raphael grinste etwas bei seinem Gedanken an das traurige Gesicht dieses Toins, der vielleicht nicht das Zeug als Pilot hatte, schon alleine wegen seiner Brille. Piloten brauchten das beste Augenlicht.
Eine viertel Stunde langweilten sich die anderen nun, ehe der nächste und dann wieder der nächste aufgerufen wurde. Raphael war der letzte und streckte sich etwas, da vom Rumsitzen seine Knochen eingerostet waren.
Die Musterung an sich verlief bei ihm fast reibungslos. Als Prüfer hatte er doch nicht die Frau von vorhin, sondern einen netten Herrn, dem er nun erzählte, dass er so gar keine Vorstellung hatte von seiner Zukunft und irgendwas machen würde. Der Prüfer nickte nur verständnisvoll und dann war auch schon die Gesundheitsprüfung dran. Nichts mit dem herz, nichts mit der Lunge und die Augen waren auch in Ordnung. Normalgewichtig war er ebenfalls und Rückenprobleme oder andere Behinderungen würden auch nicht in seiner Akte austauchen. Er war also wirklich für alles geeignet. Folgte nun nur noch das Endgespräch für den Abschluss und den Entscheid, was er später einmal für eine Position im Militär haben würde.
Ihm gegenüber sass nun wieder der freundliche Herr vom Vorgespräch und teilte ihm mit, dass alles in Ordnung sei und er sich nun entscheiden müsse. Seine Schulnoten würden ausserdem für eine schöne Karriere ausreichen, schliesslich zierten Bestnoten sein Zeugnis und das schon seit Jahren.
„Ich weiss nicht, was ich machen möchte. Ich habe es ihnen doch schon gesagt. Ich habe keinen Plan.“
„Wieso willst du denn nicht Pilot werden? Dir würden gute Aufstiegschancen geboten und du kannst die Schiffe der Flotte steuern.“
Raphael sah den Herrn unschlüssig an. Klar, als Pilot war man sicherlich gut beschäftigt und sah immer mal was Neues von der Welt, schliesslich blieb man nie an einem Fleck. Nur irgendwie war man auch nicht frei. Man hatte immer dieses riesige Schiff unterm Arsch und musste es navigieren.
„Naja, ehrlich gesagt möchte ich irgendwie etwas ungebundener sein. Gibt es da was?“
Der Herr nickte und schlug ein Buch auf, blätterte kurz darin herum und schob es dann zu Raphael. Sein Blick fiel nun auf ein Bild von einem Piloten neben einem kleinen Schiff, welches gerade mal Platz für eine Person, Motor und Tank vorzuweisen hatte. Eine Waffe war noch an dem Flügel montiert. SPÄHER, so lautete die Überschrift und der kleine Text unter dem bild gab eine sehr schwammige Beschreibung dieser Position wieder.
„Mhh ein Späher also? Hier steht, dass man als Spion und Kundschafter unterwegs ist, stets Abenteuer auf einen warten und man das flinkste Schiff der Flotte steuern kann? Diesen Job will doch sicher jeder machen, oder?“
Der Soldat, etwas dicklich und mit grauem, schütterem Haar verneinte sofort, indem er dezent mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, durchaus nicht. Wir haben sogar Personalmangel. Diese Aufgabe hat wenig Aufstiegschancen, wird zwar gut bezahlt, aber ein guter Späher bleibt ein guter Späher. Ein schlechter wird abgeschossen oder landet in Gefangenschaft und ich denke nicht, dass ich ihnen sagen muss, was mit Gefangenen beim Fein geschieht.“
Nein, über Folter und alle anderen Massnahmen gegen Gefangene musste er nun wirklich nicht berichten, denn das hatten sie jeden Tag in der Schule gehört gehabt. Späher, irgendwie klang das nicht schlecht. Wenn er gut war, würde er gut leben können und wenn er schlecht war, dann würde er eben dem Tod „Hallo“ sagen.
„Ja, ich denke, das wäre eine interessante Aufgabe für mich“, meinte er zu seinem gegenüber und dieser schnappte sich ein Formular und einen Stift und lies Raphael dann alles ausfüllen und unterzeichnen.
Drei Jahre später, Raphael hatte seinen Pilotenschein gemacht und die Grundausbildung, sowie die Spezialisierung zum Späher hinter sich gebracht, war es dann so weit, dass er endlich in seine Maschine steigen konnte und seine Aufgabe erfüllen konnte. Er war ein klein wenig stolz auf das, was er geschafft hatte. Schliesslich hatte er sich ein wenig Freiheit zurück geholt. Frei wie ein Vogel konnte er nun durch die Lüfte brausen und sogar über fremde Grenzen fliegen. Er musste nur aufpassen, dass ihn die Feinde nicht erwischen würden. Sicher kein Kinderspiel.
Sein Zimmer musste er nun auch nicht mehr mit Luis teilen. Der hatte sich gefreut, als Raphael ihm mitgeteilt hatte, dass nun das Zimmer ihm alleine gehören würde. Raphaels neue Heimat war die Kaserne von Drakora, die älteste Stadt der ganzen Welt. Sie war auf den Überresten einer Stadt gebaut worden, die noch die alten Zeitalter miterlebt haben musste. Grosse Wehrmauern zeugten von grossen Schlachten und ihre Grundrisse waren als Vorbild für noch stärkere Wälle aus Stahl und Beton genommen worden. Ganz Drakora glich in Bau und Nutzen einer der antiken Städte. Sie war wehrhaft, die Häuser waren erdbebensicher gebaut und auch Bomben konnten ihnen nur leichten Schaden zufügen. Ein Generator, den man bei einer Ausgrabung gefunden hatte, spendete Strom für die Stadt und ein Schutzschild, welches die ganze Stadt umgab. Nur ein Tor war Ein- und Ausgang zugleich.
Beim Umzug hatte er sein Poster mitgenommen und ein paar andere, eigene Dinge, die ihn an die Vergangenheit erinnerten. Das Poster hatte er einst von seinem Vater bekommen gehabt, sein ganz persönlicher Schatz. Die Mutter hatte er überhaupt nicht gekannt. Sie war kurz nach seiner Geburt verschleppt worden und war nie wieder aufgetaucht. Sein Vater, ehemals ein Admiral der Marine, war bei einem dummen Unfall ums Leben gekommen. Er war ein lieber Vater gewesen, aber ein Torpedo, der im Schiff explodierte, löschte dessen Leben aus. Das Poster war das einzige materielle Stück, was er von seinem Vater noch besass, denn der Ruf und der Rang gingen nie automatisch auf den Sohn über. Nicht in solchen Zeiten, in denen jeder ersetzbar war.
Drakora lag ein kleines Stück hinter ihm, jetzt, da er in seiner „Mücke“ sass. Diesen Spitznamen hatten seine Kameraden von der Pilotenausbildung seinem Schiff gegeben. Im Vergleich zu den riesigen Kreuzern, die sonst den Himmel dominierten, war es aber auch nichts weiter, als eine kleine Mücke, die lediglich mit ihren Waffen etwas sticheln konnte. Allerdings war sie flink und wendig und das kostete Raphael gern aus. Loopings und andere Arten von kuriosen Drehungen waren seine bevorzugten Flugmanöver und er hatte mit einigen halsbrecherischen Varianten so manchem Fluglehrer das letzte Bier in die Hose befördert.
Frei, er war frei. Seine neue Mission war das Auskundschaften der nördlichen Flugrouten. Dort sollten in letzter Zeit Schiffe verloren gegangen sein und er sollte es nachprüfen. Beim ersten Anzeichen von Gefahr sollte er sich zurück ziehen und Meldung machen. Klang einfach und war es sicher auch. Die nördlichen Routen kreuzten kein Feingebiet.
Zwei Stunden vergingen ruhig und Raphael musste sich zusammenreissen, denn beim Geradeausfliegen war die grösste Gefahr, dass es zu monoton wurde und man einfach einschlief. So wünschte sich jetzt auch Rafael ein paar Streichhölzer für die Augen und gähnte beherzt.
„Uuaaahh…“ er streckte sich, das Schiff flog im Autopilot.
„Mensch ist das langweilig. Ich hätte doch das andere Angebot annehmen sollen. In Firora hätte ich sicher mehr zu tun gehabt. Das liegt immerhin mitten im Feindesland, bei diesen dummen Sonnenanbetern.
Die Menschen der südlichen Region um Firora herum, einer Stadt in einer sehr kargen Wüste, nannte man auch Sonnenanbeter, da sie Sonne gewohnt waren und ihren Gott einen Sonnengott nannten. Kamen sie in kühle Gefilde, wie zum Beispiel nach Drakora, dann froren sie ziemlich schnell und bekamen diverse Krankheiten. Deswegen hatten sie diesen Beinamen.
„Ich penn gleich…“
Zum Fortführen dieses Satzes, der ohnehin nicht gerade wichtig war, kam er nicht mehr, denn sein Steuer wurde plötzlich herumgerissen. Er wunderte sich ganz kurz, schnappte sich aber dann das Steuer und versuchte es wieder in die richtige Position zu bringen. Im Moment trudelte sein Schiff um die eigene horizontale Achse und verlor an Höhe. Das durfte nicht sein und dass das Steuer nicht zu bewegen war, erst recht nicht.
„Was ist hier los?“ Viele Situationen waren sie in den Flugstunden durchgegangen, von kleineren Notsituationen über blockierte Steuer, defekte Antriebe und schlimmeren Dingen, wie Feuer an Bord und er hatte stets die Nase vorn gehabt in den Simulationen. Die Ausbilder hatten gemeint, er würde ein prächtiger Späher werden und jetzt bekam er dieses verdammte Ding von Steuer nicht in seine Gewalt.
Draussen war es dunkel, dicke Wolken hatten sich um ihn gezogen und kleine Blitze zuckten hin und wieder durch die künstliche Nacht. Es herrschte da draussen ein Sturm, doch Sturm war er gewöhnt. Dichte Wolken machten ihm keine Angst, Blitze ebenfalls nicht.
Ein Schatten, draussen, über ihm, allerdings schon. War das ein feindliches Schiff? Hatten sie seine Ruder blockieren können. Konnte er deswegen nicht mehr steuern?
Allerdings war er nicht getroffen worden, die Anzeigen waren alle im grünen Bereich. Kein auslaufender Treibstoff, kein defektes Triebwerk, nicht, was irgendwie auf dieses blöde blockierte Steuer hinwies. Lediglich die Höhenanzeige schob langsam Panik und ging von Grün auf Orange über und der Zeiger bewegte sich mehr und mehr zum Rot hin.
„ARGH“ Noch einmal, mit kräftigem Ruck, riss er das Steuer herum. Er hörte einen grellen Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren liess und dann etwas knirschen, sich verbiegen. Sein Steuer ging wieder zu bewegen, auch wenn es sich nun steuern lies, als wenn er betrunken war. Das sich verformende Geräusch von eben war sicher das Ruder gewesen, doch der Schrei?
Wieder war draussen ein Schatten, dann ein Feuerball, gefolgt von Rauchschwaden.
Raphael riss entsetzt das Steuer hoch. Etwas schoss auf ihn, aber mit Sicherheit kein Schiff. Kein Schiff, absolut keines konnte Feuerbälle schiessen. Sein Manöver war nun ein Looping. Er wollte sehen, was ihn da treffen wollte. Er wollte hinter dieses Ding kommen.
Ein erneuter Ball aus Feuer streifte ihn nur leicht und erleichtert lies er den angehaltenen Atem aus seiner Lunge entweichen. Das war um Haaresbreite gewesen. Links, Recht, hoch und runter, dauernd musste er ausweichen. Ein Schiff hätte nachladen müssen, doch das hier waren zu schnelle Abfolgen. Die Munition schien nie zu versiegen. Und dann plötzlich starrte er in ein schwarzes Loch, umringt von Zähnen. Feuer kam daraus hervor und hüllte ihn erst in einen roten Schein, ehe Dunkelheit ihn umhüllte.
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Kapitel 1 – Der Sturm
Viele Lieder ranken sich um Drachen und ihre sagenhafte Gestalt, doch sind dies eben alles nur Lieder von vergangenen Zeiten, von Reichen mit edlen Rittern und Königen, denen ihr Volk noch wichtig gewesen war. Doch nun ist das alles nichtig. An diese Königreiche erinnern nur noch ein paar Steinbrocken, nicht einmal mehr Ruinen zeugen von diesen prächtigen Zeitaltern.
Uns bleiben nur noch die Lieder und einige Bilder, die aber auch mit der Zeit verblassen.
Eines dieser Kunstwerke habe ich mir als Poster an die Wand genagelt. Es zeigt einen Schwarzen Drachen, auf dem ein mächtiger und edler Ritter mit hoch erhobener Lanze reitet. Ein Meer aus Wolken haben sie hinter sich gelassen, Drache und Reiter und eine brennende Festung. Ob so wohl früher die Schlachten ausgesehen haben?
In der heutigen Zeit fliegen Monster an uns vorbei, mit denen sich die einstigen Riesen wohl kaum messen können. Riesige Schlachtschiffe, die den Himmel verdunkeln können und von denen einige sogar in der Lage sind, ganze Landstriche mit einem Schlag auszulöschen. Wir Menschen sind nur noch Marionetten einer vom Militär beherrschten Welt. Krieg ist das, was den Ländern Frieden bringt. Zwar wird dadurch viel zerstört, aber zwei verfeindete Nationen kämpfen dann nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander. Wirklich lange hält ein Frieden ohnehin nicht an.
Wir Kinder werden dabei übrigens nicht vergessen. Ganz im Gegenteil, denn wir sind die Zukunft. Wir sollen später einmal diese Schlachtschiffe fliegen und damit die Errungenschaften der älteren Generation ehren und ihre Taten fortführen. Dafür sind wir geboren und dafür sterben wir. In der Zeit zwischen Geburt und Tod werden wir gedrillt und mit Propaganda zugemüllt. Es wäre schön für sein Vaterland zu sterben. Wundervoll sei die Zeit nach dem Krieg, wenn die eigene Macht eine Grossmacht geworden ist. Niemand spricht von den Opfern, dem Leid auf der Welt, den Hunger und die Seuchen, welche viele Gebiete in ihre herzlose Umarmung geschlossen haben. Niemand …
Dies waren oft die Gedanken von Raphael, wenn er erneut von der Schule nach Hause ging. Ein Zuhause, welches eher einem Schutthaufen glich, als einem Haus. Er war hier nicht geboren worden, war erst seit zwei Jahren hier her gekommen. Seine neue Familie bestand aus anderen Kindern, die wie er hier her gekommen waren. Sie hatten nicht woran sie wirklich festhalten konnten, ausser ihrem wenigen hab und Gut, dass sie aus den Trümmern ihrer einstigen Familienhäusern hatten retten können. Ihre Eltern waren schon längst getötet, verschollen oder auf ewig in einem der Schlachtschiffe gefangen, denn sie mussten dem Vaterland dienen. Niemand kümmerte sich goss um sie, lediglich Nahrung, Kleidung und eine Schulbildung war ihnen nicht vergönnt. Schliesslich sollten auch diese Kinder einmal fähige Soldaten werden. Überall roch es nach Rauch, Benzin und Abfall. Hier und da hatte ein Hund hingepisst und ein Alki seinen Mageninhalt ausgeschüttet. Keine schöne Gegend, aber immer noch besser, als am Kanal zu leben. Hier wohnten die gut situierten Waisenkinder von Reglon, der schwarzen Stadt. Hier war man noch wer. Unten am Kanal aber, da war nur noch der soziale Dreck vorhanden. Menschen mit Behinderungen, die für den Krieg nicht einmal als Kanonenfutter dienen konnten und Kinder, die die Schule dauernd schwänzten. Dort gab es keine Ärzte, keine Essensrationen und kein sauberes Wasser. Im Kanal schwammen die Industrieabfälle von Jahrhunderten und machten die Menschen dort nur noch kränker.
Raphael hatte es sich auch schon oft überlegt, einfach alles hinzuschmeissen, dem System einfach zu entfliehen. Allerdings wusste er um die Gefahr, die dann auf ihn lauern würde. System oder Kanal, die einzige wirkliche Entscheidung, die man der Bevölkerung noch gelassen hatte.
Raphael blieb vor einem Haus stehen, dessen Dach nicht mehr existent war und von dem auch die Wand zur Küche fehlte. Hier hatte es in der Nähe einmal Bomben geregnet und da kam es schon einmal vor, dass einige Teile der Häuser nicht mehr in den Himmel ragten, sondern als Schutt den Boden zierten. Man hatte einfach die Küche verlegt, aus drei Zimmern eben zwei gemacht und alles war besser. Der Junge, der einst im dritten Zimmer geschlafen hatte, teilte sich nun eins mit Raphael, denn er hatte eines gehabt, welches für die Verhältnisse dieser Zeit recht gross gewesen war. Wer hätte ahnen können, dass daraus danach so ein kleines Loch wurde? Der Mitbewohner, Luis, ehemals aus Dhramia, einem Provinznest ungefähr 10.000 Kilometer landeinwärts war stinkend faul und zudem noch ein Chaot sondergleichen. Er konnte aus sagenhafter Ordnung innerhalb einem Bruchteil einer Sekunde ein Chaos wachsen lassen, welches ungeahnte Dimensionen annehmen konnte. So kam es, dass Raphael gerade mal sein Bett und seine Wand, an der das Bett stand, für sich hatte und der Rest stets Luis gehörte.
Auch heute musste er über alte stinkige Socken springen, aufpassen, dass er nicht in einem Rollerblade stecken blieb – die Gefahr des Wegrollens war wenigstens nicht vorhanden, denn der Rollerblade war von herumliegenden Büchern eingekeilt – und sich dann wieder einmal fragen musste, wohin er denn sein Schulzeug verstauen sollte. Sein Schreibtisch jedenfalls war voll mit alten Tellern und Essensresten, die ebenfalls Luis zu verantworten hatte.
Seufzend machte Raphael kehrt und stürzte beinahe über eine Dinosaurierfigur, konnte sich aber noch beherrschen und sprang beherzt zur Tür. Ein Bein wollte er sich eigentlich jetzt nicht auch noch brechen.
„LUIS! VERDAMMT!“ fluchte Raphael so laut, dass er fürchten musste, das obere Stockwerk, welches nun als Dach diente, würde herunter stürzen. Zu seinem Glück rieselte ihm nur etwas Putz auf die Nase.
Luis war natürlich nicht da, wie immer, und deswegen antwortete keiner seinem anfänglichen Wutausbruch. Dies führte dazu, dass er sich wieder beruhigte. Was nützte einem der beste Wutanfall etwas, wenn keiner da war, der diesem lauschen konnte?
Mürrisch ging er in die Küche, schnappte sich den letzten Apfel aus der Stiege Obst, die sie einmal in der Woche geliefert bekamen und biss hinein. Solch ein frischer Geschmack im Mund, der süss und saftig zugleich war, konnte wirklich beruhigend und entspannend wirken. Für einen Moment schienen alle Sorgen vergessen.
„Hey, Raphael … schon vergessen? Du musst heute noch zur Musterung!“ Tia stand in der Eingangstür mit ihrem Blick auf die Uhr fixiert. Es war bald ein Uhr und Raphael war gestern erst fünfzehn Jahre alt geworden. Ein Wochenanfang bedeutete für alle frischen Fünfzehnjährigen einen neuen Schritt in ihrem Leben, einen gravierenden. Sie wurden gemustert, und zwar zwei Uhr, jeden Montag. Manchmal kam keiner, manchmal nur einer und dann wieder gab es Tage, da meldeten sich mehr als zehn Jungs zu der Musterung. Sie war wichtig, denn hier wurde entschieden, ob man eine Karriere als Soldat vor sich hatte, oder ob man andere Aufgaben für die Armee und sein Vaterland erledigen konnte. Schlimm war es, wenn man nicht hin ging, oder gar ausgemustert wurde. Dann rief der Kanal nach einem.
Schnell griff sich Raphael seine Jacke, biss nochmals in den Apfel. Die Wirkung der Frische war verflogen und einer Art Panik gewichen. Ob er es in einer Stunde bis zu dem Platz schaffen würde?
„Tia, danke! Darf ich mir…“
„Klar, Raphi, du darfst. Der steht draussen an der Laterne. Aber fahr vorsichtig und bring ihn wieder heil mit. Weißt ja, wie teuer die Dinger sind.“
Raphael gab ihr kurz noch einen kleinen Schmatzer auf die Wange, ehe er das Haus verliess, zur nächsten Laterne – die einzige in dieser Strasse – rannte, dort den abgestellten Roller schnappte und losdüste. Der Roller war etwas aufgemotzt, denn Tia hatte sich eine kleine Werkstatt zu Eigen gemacht und reparierte dort nebenbei allerlei Technischen kram, am liebsten natürlich Roller, die Hauptverkehrsmittel der einfachen Bürger dieser Stadt. So schaffte er mehr als 120 Sachen und Raphael freute sich, dass die Häuser nur so an ihm vorbei rasten. Wenn jetzt keine Streife des Militärs kam, war er gerettet. Aber eine gute Ausrede hatte er notfalls dabei.
„Rrrrrrrrraphael Wirden?“ eine schrille Stimme, die das R in jedem Namen bewusst betonte, fegte über den Platz. Alles, was aus Glas war, schien dabei zerspringen zu wollen und Raphaels Trommelfell musste sich gerade entscheiden, ob es zur Sorte „Glas“ oder „menschliches Gewebe“ zählen wollte.
„Ja, ich bin hier!“ nuschelte er. Ein Stück Apfel hatte sich zwischen seinen beiden oberen Schneidezähnen verfangen und nervte ihn tierisch. So fummelte er mit seiner Zunge zwischen den Zähnen herum und versuchte gleichzeitig zu antworten.
„Rrrreden sie gefälligst deutlich mit mirr!“
„Aber klar doch!“ ah endlich war er draussen, doch irgendwie hatte er das Gefühl, als habe er etwas vergessen.
„Ah..äh SIR!“
Ein Gelächter der anderen drei Jungs, die gekommen waren, liess sich nun nicht mehr vermeiden und Raphael sah sich noch mal genauer seinen Prüfer an.
„Oh verd…! Ich meinte, Madam!“
Die Frau vor ihm, gekleidet in eine schwarze Lederuniform mit Abzeichen an der Brust, die sich dort schon häuften, blickte ihn grimmig an. Er war sich sicher, dass sie ihn jetzt schon auf dem Kieker hatte und er dies wohl noch bereuen würde.
„Gut, fangen wir an!“ teilte sie allen Anwesenden mit. „Ich werde ihre Tauglichkeit prüfen und sie anhören, wie ihre Zukunftspläne aussehen. Ich sage es gleich zu Beginn, wer nicht dienen will, kann sofort gehen. Allerdings denke ich, ihnen sind die Konsequenzen bekannt.“
Keiner rührte sich. Das war schliesslich auch verständlich, denn wer wollte schon im Bereich des Kanals sein Dasein fristen? Nur Idioten würden das freiwillig dem Dienst vorziehen.
„Ein jeder, der genommen wird, bekommt die Grundausbildung und wenn er diese abgeschlossen hat, kann er sich spezialisieren. Besonders beliebt sind derzeit Posten wie Pilot, Kanonier oder Mechaniker. Allerdings kann nicht jeder solch einen Posten ergattern. Es kommt ganz auf ihre Leistungen an. Und nun folgen sie mir!“
Es ging runter von dem Platz in eine kleine Baracke, die kleine Zentrale des Militärs am Rande der Stadt. Hier wurden nur Jungs gemustert, die aus den Slums kamen, die nicht aus reichem Elternhaus stammten oder eben wie Raphael Waise waren. Ein kleiner Raum mit fünfzehn Stühlen war ein Warteraum. Jeder von ihnen sollte sich setzen und warten, bis sie einzeln aufgerufen wurden. Eine Befragung an sich würde fünfzehn Minuten dauern, die Untersuchung eine halbe Stunde und das Endgespräch dann noch einmal bis zu fünfzehn Minuten. Wer Glück hatte, konnte diese Baracke also in weniger als einer Stunde verlassen. Allerdings hatte Raphael auch schon andere Geschichten gehört, von Leuten, bei denen das Endgespräch ewig dauerte und die dann wohl auch an vorderster Front kämpfen mussten, ohne Chance auf einen Aufstieg.
Während sie warteten, unterhielten sich zwei andere Jungs, einer von ihnen stellte sich als Toin vor, der andere blieb namenlos. Toin hatte die Meinung vertreten, dass man als Pilot die besten Aufstiegschancen hatte. Erst Pilot, dann Captain und das Highlight war dann Admiral. Der andere allerdings meinte, dass man als Kanonier viel besser dastehen würde. Man würde befördert nach getroffenen Zielen. Holte man also ein paar Schiffe runter, dann war man schneller Admiral, als man „HIER“ schreien konnte. Raphael und noch ein wartender hielten sich da raus. Es ging sie nichts an, noch schienen sie sich für diese Diskussion zu begeistern. Raphael war der Ansicht, dass alle die gleichen Chancen hatten zu sterben, sei es nun ein hoher Admiral auf seinem Flaggschiff, oder ein dahergelaufener Soldat. Lediglich der Sold war ungleich verteilt und damit die Lebensstandards. Ihm war es gleich, was er werden würde. Hauptsache er kam nicht zum Ka…
„Als erster Toin Simmers!“ Na dann, Herr Pilot. Mal sehen, mit welchem Gesicht du dann am Ende der Musterung dastehen wirst. Raphael grinste etwas bei seinem Gedanken an das traurige Gesicht dieses Toins, der vielleicht nicht das Zeug als Pilot hatte, schon alleine wegen seiner Brille. Piloten brauchten das beste Augenlicht.
Eine viertel Stunde langweilten sich die anderen nun, ehe der nächste und dann wieder der nächste aufgerufen wurde. Raphael war der letzte und streckte sich etwas, da vom Rumsitzen seine Knochen eingerostet waren.
Die Musterung an sich verlief bei ihm fast reibungslos. Als Prüfer hatte er doch nicht die Frau von vorhin, sondern einen netten Herrn, dem er nun erzählte, dass er so gar keine Vorstellung hatte von seiner Zukunft und irgendwas machen würde. Der Prüfer nickte nur verständnisvoll und dann war auch schon die Gesundheitsprüfung dran. Nichts mit dem herz, nichts mit der Lunge und die Augen waren auch in Ordnung. Normalgewichtig war er ebenfalls und Rückenprobleme oder andere Behinderungen würden auch nicht in seiner Akte austauchen. Er war also wirklich für alles geeignet. Folgte nun nur noch das Endgespräch für den Abschluss und den Entscheid, was er später einmal für eine Position im Militär haben würde.
Ihm gegenüber sass nun wieder der freundliche Herr vom Vorgespräch und teilte ihm mit, dass alles in Ordnung sei und er sich nun entscheiden müsse. Seine Schulnoten würden ausserdem für eine schöne Karriere ausreichen, schliesslich zierten Bestnoten sein Zeugnis und das schon seit Jahren.
„Ich weiss nicht, was ich machen möchte. Ich habe es ihnen doch schon gesagt. Ich habe keinen Plan.“
„Wieso willst du denn nicht Pilot werden? Dir würden gute Aufstiegschancen geboten und du kannst die Schiffe der Flotte steuern.“
Raphael sah den Herrn unschlüssig an. Klar, als Pilot war man sicherlich gut beschäftigt und sah immer mal was Neues von der Welt, schliesslich blieb man nie an einem Fleck. Nur irgendwie war man auch nicht frei. Man hatte immer dieses riesige Schiff unterm Arsch und musste es navigieren.
„Naja, ehrlich gesagt möchte ich irgendwie etwas ungebundener sein. Gibt es da was?“
Der Herr nickte und schlug ein Buch auf, blätterte kurz darin herum und schob es dann zu Raphael. Sein Blick fiel nun auf ein Bild von einem Piloten neben einem kleinen Schiff, welches gerade mal Platz für eine Person, Motor und Tank vorzuweisen hatte. Eine Waffe war noch an dem Flügel montiert. SPÄHER, so lautete die Überschrift und der kleine Text unter dem bild gab eine sehr schwammige Beschreibung dieser Position wieder.
„Mhh ein Späher also? Hier steht, dass man als Spion und Kundschafter unterwegs ist, stets Abenteuer auf einen warten und man das flinkste Schiff der Flotte steuern kann? Diesen Job will doch sicher jeder machen, oder?“
Der Soldat, etwas dicklich und mit grauem, schütterem Haar verneinte sofort, indem er dezent mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, durchaus nicht. Wir haben sogar Personalmangel. Diese Aufgabe hat wenig Aufstiegschancen, wird zwar gut bezahlt, aber ein guter Späher bleibt ein guter Späher. Ein schlechter wird abgeschossen oder landet in Gefangenschaft und ich denke nicht, dass ich ihnen sagen muss, was mit Gefangenen beim Fein geschieht.“
Nein, über Folter und alle anderen Massnahmen gegen Gefangene musste er nun wirklich nicht berichten, denn das hatten sie jeden Tag in der Schule gehört gehabt. Späher, irgendwie klang das nicht schlecht. Wenn er gut war, würde er gut leben können und wenn er schlecht war, dann würde er eben dem Tod „Hallo“ sagen.
„Ja, ich denke, das wäre eine interessante Aufgabe für mich“, meinte er zu seinem gegenüber und dieser schnappte sich ein Formular und einen Stift und lies Raphael dann alles ausfüllen und unterzeichnen.
Drei Jahre später, Raphael hatte seinen Pilotenschein gemacht und die Grundausbildung, sowie die Spezialisierung zum Späher hinter sich gebracht, war es dann so weit, dass er endlich in seine Maschine steigen konnte und seine Aufgabe erfüllen konnte. Er war ein klein wenig stolz auf das, was er geschafft hatte. Schliesslich hatte er sich ein wenig Freiheit zurück geholt. Frei wie ein Vogel konnte er nun durch die Lüfte brausen und sogar über fremde Grenzen fliegen. Er musste nur aufpassen, dass ihn die Feinde nicht erwischen würden. Sicher kein Kinderspiel.
Sein Zimmer musste er nun auch nicht mehr mit Luis teilen. Der hatte sich gefreut, als Raphael ihm mitgeteilt hatte, dass nun das Zimmer ihm alleine gehören würde. Raphaels neue Heimat war die Kaserne von Drakora, die älteste Stadt der ganzen Welt. Sie war auf den Überresten einer Stadt gebaut worden, die noch die alten Zeitalter miterlebt haben musste. Grosse Wehrmauern zeugten von grossen Schlachten und ihre Grundrisse waren als Vorbild für noch stärkere Wälle aus Stahl und Beton genommen worden. Ganz Drakora glich in Bau und Nutzen einer der antiken Städte. Sie war wehrhaft, die Häuser waren erdbebensicher gebaut und auch Bomben konnten ihnen nur leichten Schaden zufügen. Ein Generator, den man bei einer Ausgrabung gefunden hatte, spendete Strom für die Stadt und ein Schutzschild, welches die ganze Stadt umgab. Nur ein Tor war Ein- und Ausgang zugleich.
Beim Umzug hatte er sein Poster mitgenommen und ein paar andere, eigene Dinge, die ihn an die Vergangenheit erinnerten. Das Poster hatte er einst von seinem Vater bekommen gehabt, sein ganz persönlicher Schatz. Die Mutter hatte er überhaupt nicht gekannt. Sie war kurz nach seiner Geburt verschleppt worden und war nie wieder aufgetaucht. Sein Vater, ehemals ein Admiral der Marine, war bei einem dummen Unfall ums Leben gekommen. Er war ein lieber Vater gewesen, aber ein Torpedo, der im Schiff explodierte, löschte dessen Leben aus. Das Poster war das einzige materielle Stück, was er von seinem Vater noch besass, denn der Ruf und der Rang gingen nie automatisch auf den Sohn über. Nicht in solchen Zeiten, in denen jeder ersetzbar war.
Drakora lag ein kleines Stück hinter ihm, jetzt, da er in seiner „Mücke“ sass. Diesen Spitznamen hatten seine Kameraden von der Pilotenausbildung seinem Schiff gegeben. Im Vergleich zu den riesigen Kreuzern, die sonst den Himmel dominierten, war es aber auch nichts weiter, als eine kleine Mücke, die lediglich mit ihren Waffen etwas sticheln konnte. Allerdings war sie flink und wendig und das kostete Raphael gern aus. Loopings und andere Arten von kuriosen Drehungen waren seine bevorzugten Flugmanöver und er hatte mit einigen halsbrecherischen Varianten so manchem Fluglehrer das letzte Bier in die Hose befördert.
Frei, er war frei. Seine neue Mission war das Auskundschaften der nördlichen Flugrouten. Dort sollten in letzter Zeit Schiffe verloren gegangen sein und er sollte es nachprüfen. Beim ersten Anzeichen von Gefahr sollte er sich zurück ziehen und Meldung machen. Klang einfach und war es sicher auch. Die nördlichen Routen kreuzten kein Feingebiet.
Zwei Stunden vergingen ruhig und Raphael musste sich zusammenreissen, denn beim Geradeausfliegen war die grösste Gefahr, dass es zu monoton wurde und man einfach einschlief. So wünschte sich jetzt auch Rafael ein paar Streichhölzer für die Augen und gähnte beherzt.
„Uuaaahh…“ er streckte sich, das Schiff flog im Autopilot.
„Mensch ist das langweilig. Ich hätte doch das andere Angebot annehmen sollen. In Firora hätte ich sicher mehr zu tun gehabt. Das liegt immerhin mitten im Feindesland, bei diesen dummen Sonnenanbetern.
Die Menschen der südlichen Region um Firora herum, einer Stadt in einer sehr kargen Wüste, nannte man auch Sonnenanbeter, da sie Sonne gewohnt waren und ihren Gott einen Sonnengott nannten. Kamen sie in kühle Gefilde, wie zum Beispiel nach Drakora, dann froren sie ziemlich schnell und bekamen diverse Krankheiten. Deswegen hatten sie diesen Beinamen.
„Ich penn gleich…“
Zum Fortführen dieses Satzes, der ohnehin nicht gerade wichtig war, kam er nicht mehr, denn sein Steuer wurde plötzlich herumgerissen. Er wunderte sich ganz kurz, schnappte sich aber dann das Steuer und versuchte es wieder in die richtige Position zu bringen. Im Moment trudelte sein Schiff um die eigene horizontale Achse und verlor an Höhe. Das durfte nicht sein und dass das Steuer nicht zu bewegen war, erst recht nicht.
„Was ist hier los?“ Viele Situationen waren sie in den Flugstunden durchgegangen, von kleineren Notsituationen über blockierte Steuer, defekte Antriebe und schlimmeren Dingen, wie Feuer an Bord und er hatte stets die Nase vorn gehabt in den Simulationen. Die Ausbilder hatten gemeint, er würde ein prächtiger Späher werden und jetzt bekam er dieses verdammte Ding von Steuer nicht in seine Gewalt.
Draussen war es dunkel, dicke Wolken hatten sich um ihn gezogen und kleine Blitze zuckten hin und wieder durch die künstliche Nacht. Es herrschte da draussen ein Sturm, doch Sturm war er gewöhnt. Dichte Wolken machten ihm keine Angst, Blitze ebenfalls nicht.
Ein Schatten, draussen, über ihm, allerdings schon. War das ein feindliches Schiff? Hatten sie seine Ruder blockieren können. Konnte er deswegen nicht mehr steuern?
Allerdings war er nicht getroffen worden, die Anzeigen waren alle im grünen Bereich. Kein auslaufender Treibstoff, kein defektes Triebwerk, nicht, was irgendwie auf dieses blöde blockierte Steuer hinwies. Lediglich die Höhenanzeige schob langsam Panik und ging von Grün auf Orange über und der Zeiger bewegte sich mehr und mehr zum Rot hin.
„ARGH“ Noch einmal, mit kräftigem Ruck, riss er das Steuer herum. Er hörte einen grellen Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren liess und dann etwas knirschen, sich verbiegen. Sein Steuer ging wieder zu bewegen, auch wenn es sich nun steuern lies, als wenn er betrunken war. Das sich verformende Geräusch von eben war sicher das Ruder gewesen, doch der Schrei?
Wieder war draussen ein Schatten, dann ein Feuerball, gefolgt von Rauchschwaden.
Raphael riss entsetzt das Steuer hoch. Etwas schoss auf ihn, aber mit Sicherheit kein Schiff. Kein Schiff, absolut keines konnte Feuerbälle schiessen. Sein Manöver war nun ein Looping. Er wollte sehen, was ihn da treffen wollte. Er wollte hinter dieses Ding kommen.
Ein erneuter Ball aus Feuer streifte ihn nur leicht und erleichtert lies er den angehaltenen Atem aus seiner Lunge entweichen. Das war um Haaresbreite gewesen. Links, Recht, hoch und runter, dauernd musste er ausweichen. Ein Schiff hätte nachladen müssen, doch das hier waren zu schnelle Abfolgen. Die Munition schien nie zu versiegen. Und dann plötzlich starrte er in ein schwarzes Loch, umringt von Zähnen. Feuer kam daraus hervor und hüllte ihn erst in einen roten Schein, ehe Dunkelheit ihn umhüllte.
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